02.08.2017
Irem Nur Yildiz: Begleitung eines Kirchenasyls

Seit April 2017 kümmere ich mich um eine kurdische Familie aus der Türkei.

Die Familie besteht aus drei Personen: einer Mutter, einem Vater und dem einjährigen Sohn. Das erste, was mit aufgefallen war, war ihr Alter. Denn sowohl Mutter als auch Vater sind in meinem Alter. Obwohl wir ‚Altersgenossen’ sind machte es mir das nicht leichter, ihre Geschichte zu verstehen.

Da keiner aus der Familie Deutsch sprechen konnte, habe ich für die Familie bei der Beratung übersetzt. Ich habe mich am Anfang nicht wohl dabei gefühlt, der Familie Fragen über ihre Zeit in der Türkei zu stellen, weil ich nicht wusste, was sie dabei über mich denken würden. Eine Türkin aus der Türkei, eine Person von der „anderen Seite“? Aber meine Bedenken waren unbegründet. Es hat nicht lange gedauert und wir haben uns besser kennengelernt. Bei einem Besuch von mir haben mir die beiden alles über ihre Flucht erzählt.

Es gibt viele Gründe, warum die Familie ihre Heimat verlassen musste, darunter auch einige Geschichten aus meinem Land, die ich noch nie gehört habe. Sie ertrugen eine sehr lange Flucht nach Slowenien zu Fuß, mit einem zwei Monate alten Baby. Schließlich haben sie es geschafft, nach Deutschland zu kommen, aber mit einer Angst, die noch da war: Angst vor Abschiebung.

Die Angst wurde wahr. Sie haben einen Brief bekommen, der ihnen die Abschiebung ankündigt. Dies war der Moment, in dem sie in der Beratungsstelle von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Hilfe gesucht haben. Die Geschichte der Familie wurde sehr genau geprüft und es wurde festgestellt, dass es sich um einen Härtefall handelt. Mittlerweile war die Frau erneut schwanger, aber mit einer Risikoschwangerschaft, was bedeutete, dass sie viel liegen musste.

Es gelang, eine Gemeinde zu finden, die der Familie Kirchenasyl gewährte. Die Geschichte der Familie wurde durch die Gemeinde noch einmal aufgeschrieben und die Behörden wurden gebeten, sich den Fall noch einmal anzusehen, mit der Bitte, dass die Familie ihren Asylantrag in Deutschland durchführen lassen könne.
Nach ca. vier Wochen kam die erlösende Nachricht: Sie konnten ihren Asylantrag in Berlin stellen. Wenig später bekamen sie eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr.

Für uns scheint es nur ein Stück Papier zu sein. Es ist aber nicht möglich mit Worten zu beschreiben, was dies der Familie bedeutet. Das Kirchenasyl war also beendet – und ich wurde gefragt, ob ich sie weiterhin unterstützen möchte.

Obwohl es eine sehr Verantwortung für mich ist, dass ich die einzige Person bin, mit der sie direkt sprechen konnten, hätte ich niemals daran gedacht abzulehnen.

Freiwilligenarbeit bringt viele schöne Gefühle sowie Beziehungen mit sich. Wir wurden Freunde und ich wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Wir hatten mehrere schöne Treffen, z.B. das traditionelle Zuckerfest, Abendessen, Frühstück, Spaziergänge durch Parks. Es ist sehr bewegend für mich zu sehen, dass ihre 1-jähriges Kind lächelnd auf mich zukommt, wenn es mich sieht.

Das ist für mich ein Beweis für ein mögliches Zusammenleben!

 

Irem Nur Yildiz, August 2017

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