25.07.2017
Irem Nur Yildiz: Kommunikation für eine andere Welt

„Rechtspopulismus nimmt überall auf der Welt zu“ – ein Satz, den ich oft gehört habe, seit ich ein kleines Kind war. Geboren im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als in Demokratien überall auf der Welt neue rechtspopulistische Parteien gegründet wurden, wurde ich Zeugin, wie diese zunehmend an Macht gewannen. Dies machte die intolerante, engstirnige und unfreie Welt für mich immer normaler. Als ich alt genug war, diese Welt, die normal war und sich doch falsch anfühlte, zu hinterfragen, wurde ich eine neue Istanbulerin.

Die Stadt, in die ich im Alter von 18 Jahren für mein Studium kam, hat mich enorm bereichert, nicht nur in akademischer, sondern auch in persönlicher Hinsicht. Trotz der intoleranten medialen Narrative in meinem Land habe ich in den vier Jahren meines Studiums in Istanbul die Erfahrung einer Willkommenskultur gemacht, die Respekt für Vielfalt unterstützt. Während dieser Zeit strandeten mehrere Wellen von syrischen Flüchtenden in Istanbul, die in Hoffnung auf ein Leben ohne Hass in die Türkei geflohen waren. In der Folge sah ich, wie Menschen, Einheimische wie Zugezogene, sich zusammentaten, um unsere neuen Nachbar*innen ehrenamtlich zu unterstützen – indem sie ihnen Sprachunterricht, Beratung und andere Hilfestellungen anboten. Sie brachten ihre Motivation aufs höchste Maß, indem sie gemeinsam arbeiteten. Ich habe realisiert, dass Kommunikation, besonders interkultureller Art, der Schlüssel für eine alternative Welt ist.

Nachdem ich mein Studium in Istanbul beendet habe, begann ich meinen Freiwilligendienst in einem Projekt mit Geflüchteten in Berlin, einer weiteren Stadt, in der Vielfalt wertgeschätzt wird. Mein Projekt hier hat mir einen tieferen Einblick in die Flüchtlingskrise in Europa sowie einige aufschlussreiche Erfahrungen mit Geflüchteten gegeben. Ich habe an einem Theaterworkshop mit geflüchteten Frauen zu dem Konzept „Kommunikation ohne Sprache“ teilgenommen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es möglich ist, trotz Sprachbarrieren zu kommunizieren. Da die Art der Kommunikation, die wir gewöhnt waren, nicht mehr funktionierte, war es erhellend, andere Wege zu finden. Und ich realisierte, dass nicht nur Rechtspopulismus, sondern auch Toleranz in der Welt an Aufschwung gewinnt. Solange wir zugänglich sind für Kommunikation und dafür, unsere Unterschiede wertzuschätzen, ist eine andere Welt möglich.

 

Irem Nur Yildiz, Juli 2017

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