31.07.2017
Nachruf für Eberhard Vorbrodt

(4. August 1937 – 24. Juli. 2017)

Anfang des Jahres, bei unserem alljährlichen Jahresempfang von Asyl in der Kirche, waren wir in der Heilig-Kreuz-Kirche zusammengekommen, um Eberhard aus seinem unermüdlich aktiven in den endgültigen Ruhestand zu verabschieden. Schon im Dezember hatte Eberhard uns mit Worten des Predigers Salomo darauf vorbereitet, dass die Zeit für ihn gekommen sei.

Eberhard war „Urgestein“ unseres Vereins. Vor mehr als 30 Jahren nach der großen Friedensdemonstration 1982 fanden er und seine Frau Traudl, beide von Pax Christi, Anschluss an eine damals noch kleine Kirchenasyl-Runde evangelischer Kirchengemeinden. Man traf sich bei Jürgen Quandt in der Nostitzstraße. Eberhards und Traudls Beitrag zur Flüchtlingsproblematik waren kostenlose Sprechstunden und Beratung für Flüchtlinge in seiner Frauenarztpraxis. Nach der Wende und Vereinsgründung 1993 übernahm Eberhard ganz selbstverständlich die Betreuung und Verwaltung der Spenden für die Flüchtlingsarbeit und wuchs zunehmend in die Rolle des Haushalters hinein, eines inoffiziellen Geschäftsführers, wobei er eine sehr eigenständige Systematik entwickelte. Er war der große Netzwerker, hatte die Übersicht und rief selbst vom Krankenbett aus noch an, um an diese oder jene Angelegenheit mahnend zu erinnern. Immer wieder stand er mit neuer Lebenskraft und Lebensmut von seinem Krankenbett auf. Er hat viel gelitten und mit einer schier unbezähmbaren Willensstärke sich doch immer wieder hoch gerafft.

Eberhard hat die Asylarbeit zu seiner Herzensangelegenheit gemacht. Wir sehen einen Menschen vor uns, der mit hoher Verantwortungsbereitschaft und großer Sensibilität wachsam und skeptisch in die Welt hineingeht. Wir erinnern uns an einen Menschen mit einem unnachahmlichen Gespür als Arzt dafür, was politisch dran ist. Wir denken an einen Menschen, der kritisch und offen für die Nöte unserer unmittelbaren Mitwelt eintrat. Unbeirrbar, manches Mal auch ungeduldig, ist er seinen Weg gegangen und bewahrte sich dabei seine neugierige Offenheit für andere Menschen und Kulturen. Mit seinem sonoren Bass verschaffte er sich Gehör in unseren Sitzungen und sang im Orthodoxen Deutschen Chor.

Eberhard ist von uns gegangen. Seine aus der Tiefe kommende Kraft, seine selbstverständliche Widerständigkeit und Ungebrochenheit, seine wachsame und kritische Wegbereitung der Kirchenasylbewegung durch mehr als drei Jahrzehnte werden uns für immer fehlen. Eine prophetische Stimme ist für immer verstummt. Wir sind dankbar, dass wir Eberhard begegnen durften und er uns teilhaben ließ an seiner aufmerksamen Achtsamkeit gegenüber unserer Welt, gegenüber Gerechtigkeit und Frieden in unserem sozialen Umfeld. Mit seiner Frau, Kindern und Enkelkindern trauern wir um einen treuen Freund und begreifen diesen endgültigen Abschied nur langsam.

„Irgendwann ist mal Schluss“ hatte Eberhard uns vor Weihnachten vergangenen Jahres zugerufen und aus dem Prediger Salomo (3,6) zitiert:

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit.                                                                                                                                                     

Ellen Wagner (Vorstand Asyl in der Kirche Berlin e.V.)

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