05.04.2017
Newsletter April 2017

Liebe Mitglieder,
lieber Interessierte,

Die letzten zwei Monate hatten es in sich!
Wir hatten diverse Veranstaltungen zu stemmen, Mitglieder aus dem Vorstand haben Kirchenkreise und Gemeinden besucht, um über Kirchenasyl zu berichten und Anfragen nach Kirchenasyl – auch auf Grund der sich derzeitig verschärfenden Situation von Abschiebungen nach Afghanistan – verzeichnen wir verstärkt in der Beratungs- und Geschäftsstelle.

Einen kleinen Rückblick der letzten Wochen finden Sie in diesem Newsletter. Zu den meisten Beiträgen finden Sie oft nur einen Auszug. Über den entsprechenden Link, gelangen Sie jedoch auf unsere Homepage und können die Texte in vollem Umfang lesen.

Mit freundlichen Grüßen aus der Geschäftsstelle,
Hannah Reckhaus-Le Treut,
Feride Berisha und
Irem Nur Yildiz (Freiwillige)

 

Kirchenasyle in Berlin und Brandenburg, Stand 30.03.2017

Berlin: Wir wissen zurzeit von 25 Kirchenasylen mit mindestens 51 Personen, davon sind 17 Kinder.

Brandenburg: Wir wissen zurzeit von 27 Kirchenasylen mit mindestens 44 Personen, davon sind 15 Kinder.

Veranstaltungshinweise

Mittwoch, 26. April 2017, 18 Uhr
Foyer der Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Straße 65, 10961 Berlin (Kreuzberg)

Mitgliederversammlung von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Anmeldung bitte unter info@kirchenasyl-berlin.de

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Veranstaltungsänderung von Asyl in der Kirche Berlin e.V.
Hinweis zum Karneval der Kulturen 2017. Asyl in der Kirche wird nicht, wie angekündigt, am 03.06.2017 mit einem Infostand am Karneval teilnehmen.

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Freitag, 23.06.2017, 19 Uhr
In der Kath. Kirchengemeinde St. Canisius
Witzlebenstr. 30
14057 Berlin

Gottesdienst für die Toten an den EU-Grenzen
Mit Erzbischof Dr. Heiner Koch und Pater Frido Pflüger (JRS)

Unterstützen Sie Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Beratung, Begleitung, Unterstützung
Das alles kostet Geld!

Unterstützen Sie Asyl in der Kirche Berlin e.V. durch Ihre Mitgliedschaft und/oder Ihre Spende, damit wir auch weiterhin in der Flüchtlingsarbeit aktiv sein können.


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Keine direkten und indirekten Abschiebungen nach Afghanistan!

30.03.2017

„Afghanistan ist nicht sicher! Das ganze Land ist zerrüttet, es herrscht Krieg, die dortige Regierung kann in den Provinzen keinerlei Sicherheit garantieren – weder für Menschen die im Land sind, noch für Menschen, die aus der EU nach Afghanistan abgeschoben werden.“ sagt Thomas Ruttig zur Lage in Afghanistan. Der ausgewiesene Afghanistan-Experte, Co-Direktor des Afghanistan Analysis Network, beschrieb am gestrigen Abend die verzweifelte Situation der Menschen im Land. Die Sicherheitslage sei katastrophal und habe sich in den letzten Monaten nicht verbessert. Luftschläge, Säuberungsaktionen und Anschläge gehörten zum Alltag im Land.

Einige Bundesländer in Deutschland stellen sich gegen die Vorgabe der Bundesregierung und haben Abschiebestopps verhängt, bis die Sicherheitslage vor Ort geklärt ist. „In Berlin gibt es keinen offiziellen Abschiebestopp nach Afghanistan. Es gibt aber den Konsens im Berliner Senat, von Abschiebungen abzusehen“, so Katharina Müller, vom Flüchtlingsrat Berlin. Aus Brandenburg hingegen wurde bereits nach Afghanistan abgeschoben.

Ein klares Zeichen aus Berlin würde den betroffenen Menschen jedoch sehr helfen. Viele Afghanen, die im Verein YAAR Beratung und Unterstützung suchen, sind verunsichert und haben Angst, berichtet Kava Spartak. Sie seien vor Krieg und Zerstörung geflohen, hätten einen langen Fluchtweg hinter sich und suchten in der EU Schutz. Die Furcht vor einer drohenden Abschiebung sei groß. „Wie sollen Menschen, die seit den 70er Jahren, also seit drei Generationen, Krieg, Flucht und Vertreibung erleben, mit existentieller Angst ihre Zukunft planen, die Sprache lernen und sich integrieren?“

Neben den direkten Abschiebeflügen aus Deutschland nach Kabul gibt es auch indirekte Abschiebungen: Die Beratungsstelle von Asyl in der Kirche Berlin e.V. verzeichnet zunehmend Anfragen nach Unterstützung von Afghanen, deren Asylantrag z.B. in Norwegen abgelehnt wurde und denen von dort die Abschiebung droht. Aus Angst vor der Rückschiebung haben viele einen weiteren Asylantrag in Deutschland gestellt.

Laut der europäischen Dublin-Verordnung ist jedoch Norwegen für den Asylantrag zuständig. Die deutschen Behörden prüfen hier lediglich die Zuständigkeit eines anderen EU-Staates und schieben diese Menschen wieder dorthin ab. Faktisch bedeutet dies, dass es sich hierbei um Kettenabschiebungen und indirekten Abschiebungen nach Afghanistan aus Deutschland handelt.

Asyl in der Kirche Berlin e.V. fordert den Berliner Senat und die Landesregierung Brandenburg auf:

  • einen offiziellen Abschiebestopp nach Afghanistan zu erlassen
  • sich auf Bundesebene für eine Aussetzung des Dublin-Systems einzusetzen, das indirekte Abschiebungen nach Afghanistan zur Folge hat

Asyl in der Kirche Berlin e.V. fordert die Bundesregierung auf:

  • von Abschiebungen nach Afghanistan abzusehen und diese auszusetzen
  • eine Neubewertung der Sicherheitslage in Afghanistan vorzunehmen
  • die europäische Dublin-Regelung auszusetzen, damit es zu keinen Kettenabschiebungen nach Afghanistan kommt
  • sich auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt werden.


Pfarrer Bernhard Fricke
Vorstandsmitglied von Asyl in der Kirche Berlin e.V

Dokumentation der Veranstaltung Afghanistan – (k)ein sicheres Land!

Dokumentation der Veranstaltung
Afghanistan – (k)ein sicheres Land!

Das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit Asyl in der Kirche Berlin e.V. haben am 29.03.2017 um 19 Uhr zu einem Informationsabend über die Situation in Afghanistan geladen.

Auf dem Podium waren vertreten:
Herr Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysis Network und regelmäßiger Autor bei der taz, der sich seit Ende der 1980er Jahre regelmäßig in Afghanistan aufhält.
Frau Katharina Müller, vom Flüchtlingsrat Berlin.
Herr Kava Spartak vom Verein YAAR, der als afghanisches Kultur- und Beratungszentrum in Berlin den direkten Kontakt mit geflüchteten Afghanen hat.
Herr Bernhard Fricke, Mitglied im Vorstand von Asyl in der Kirche Berlin e.V. und Flüchtlingspfarrer im Kirchenkreis Potsdam führte als Moderator durch den Abend.

Die Veranstaltung war mit rund 80 Interessierten gut besucht. Aus ganz Berlin und Brandenburg waren Interessierte angereist. Auch junge Afghanen befanden sich unter den ZuhörerInnen der Podiumsdiskussion.

Infoabend AfghanistanInfoabend Afghanistan
Fotos: Uwe Kraeusel

 

Thomas Ruttig berichtete zunächst über die Lage in Afghanistan:
Das Afghanistan Analysis Network ist ein europaweites Netzwerk. Es werden Analysen veröffentlicht, die kostenlos im Internet zugänglich sind. Es ist bekannt, dass auch Personen aus Politik und Diplomatie das Netzwerk als Informationsquelle nutzen.

 Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland – und wird von der Bundesregierung auch nicht so eingestuft. Allerdings werden sicherere Gebiete deklariert. Dabei wird weder darauf eingegangen, was genau man unter „Gebiet“ versteht, noch wird auf die aktuelle Sicherheitslage geschaut, sondern die Verbesserung der Sicherheitslage zwischen 2015 und 2016 als Grundlage genommen.

UNHCR wurde explizit von der Bundesregierung aufgefordert, die Sicherheitslage im Land zu bewerten. Das Ergebnis war, dass UNHCR die Einschätzung der Regierung, man könne in sichere und unsichere Gebiete unterteilen, nicht teilte. Die Lage im Land verändert sich dafür zu schnell. Es bleibt unklar, woher die Fakten für die Einschätzung der Bundesregierung kommen. Deutlich wird, dass auf die Wortwahl in offiziellen Dokumenten geachtet werden muss: Es gebe Provinzen, die seien sicherer als andere.

Seitdem die Internationale Sicherheitsunterstützungsgruppe (ISAF) die Verantwortung für die Sicherheit im Land, der afghanischen Regierung in 2014 übertragen hat, gibt es von dieser Seite keine aktuellen Berichte mehr. Die afghanische Regierung gibt zwar Zahlen heraus, diese werden aber nur sporadisch veröffentlicht und sind nicht belastbar.
Der Sondergeneralinspektor der USA (Sigar), veröffentlicht alle viertel Jahre Berichte zur Lage in Afghanistan. Er hat der Bundesregierung bereits im November 2016 widersprochen, dass sich in 2015 und 2016 die Lage im Land verbessert habe. Die Taliban seien stärker geworden, der Krieg im Land ist ein Guerillakrieg, der keine festen Formen habe und den man schlecht einschätzen könne.

Von den 400 Distrikten in Afghanistan, werden nur noch 100 Distrikte von deren Gouverneuren besetzt und diese schützen teilweise nur noch ihren eigenen Grundstücke. Die anderen Distrikte werden von den Taliban regiert. Sicherere Gebiete im Land gibt es nicht. Bereits in diesem Jahr gab es in 34 Gebieten im Land wieder Kämpfe, die wiederum 40.000 Binnenflüchtlinge hervorgebracht haben. Zusätzlich zu den bereits 1,2 Millionen aus 2016. Die Kämpfe dehnen sich weiterhin aus und verhärten und verstärken sich.

Die Zahl der zivilen Opfer zählt seit 2009 eine UN-Mission. Die Zahlen zeigen, dass diese sich stets erhöht haben. Besonders dramatisch ist die gestiegene Zahl der getöteten Kinder. Auch daran lässt sich erkennen, dass sich die Lage im Land nicht verbessert hat. Das Europäische Asyl Unterstützungsbüro (EASO) hat bisher Herkunftsländerberichte veröffentlicht, die auch die Opfer von Luftanschlägen, Säuberungsaktionen, Bomben, Morden etc. aufgelistet hat.

Zur Einschätzung der Lage muss man sich auch den Gesamtverlauf des Krieges ansehen, der seit Mitte der 70er Jahre tobt. Über Perioden werden die Menschen immer wieder gezwungen, auf den Krieg zu reagieren. Immer wieder gibt es Fluchtbewegungen – seit über 40 Jahren. Der Krieg konnte auch durch internationale Interventionen nicht beendet werden. Hoffnungen der Menschen werden immer wieder zerschlagen. Auch von denen, die ins Land zurückgekehrt sind (sei es aus den Nachbarländern oder aus Europa), mussten viele irgendwann wieder fliehen, haben den Verlust von Familienmitgliedern und Zerstörung ihrer Heimat erleben müssen.

Die Gründe für Flucht sind dieselben wie damals: Der Abzug der westlichen Truppen hat nicht nur die Sicherheitslage wieder verschärft. Viele Arbeitsplätze sind weggefallen, das Transportgewerbe ist zusammengebrochen, die Wirtschaft geschrumpft. Die Beziehungen zwischen Iran, Pakistan und Afghanistan sind äußert angespannt. Pakistan hat Geflüchtete schon oft als Druckmittel genutzt. Es gibt dort mehrere Millionen registrierte Flüchtlinge. Im letzten Jahr wurden nicht-registrierte Menschen ausgewiesen und so kamen 1,2 Millionen Afghanen aus dem Iran und Pakistan zurück. Hinzu kommen noch ca. 80.000 ausreisepflichtige Afghanen aus der EU – die afghanische Regierung ist nicht in der Lage, diese Menschen zu versorgen, Arbeitsplätze zu schaffen und für die Sicherheit zu garantieren.

Beim 3. Abschiebeflug aus Deutschland nach Kabul war es möglich, mit 4 von 18 Personen in Kontakt zu treten. Die Menschen waren für zwei Wochen in einer Zwischenunterkunft in Kabul untergebracht worden. Die vier Personen hatten noch Kontakt nach Deutschland, was sich aber wegen fehlender afghanischer Telefone als schwierig erwies. Es handelte sich um Personen, die zwischen 3 und 6 Jahren in Deutschland gewesen waren und mit der Situation völlig überfordert waren. Sie trauten sich nicht auf die Straße und waren völlig verängstigt. Der Kontakt zu den Personen brach nach den zwei Wochen jedoch ab – denn nach dieser Zeit müssen sie die Unterkunft verlassen.

Kava Spartak berichtet über die Menschen, die den Verein YAAR aufsuchen:
YAAR wurde vor 5 Jahren gegründet mit dem Ziel, Deutschunterricht, Beratung und Begleitung anzubieten. Mittlerweile bekommt der Verein Fördermittel vom Bezirk Mitte.

Die Menschen, die seit 2015 nach Deutschland kamen, wurden vom ersten Tag an von allen Programmen in Deutschland ausgeschlossen: Es gab keinen Zugang zu Sprach- oder Integrationskursen. Die Kategorisierung beruhte auf der Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge: Menschen aus Ländern, die im Vorjahr eine hohe Anerkennungsquote ihrer Asylanträge hatten, (Quote 2013/2014 unter 50%), wurden von Programmen ausgeschlossen.

Seit 3 Generationen erfahren die Afghanen Krieg. Das Gefühl bleibt: Auf unsere Kosten wurde und wird Weltpolitik gemacht.
Das Resultat ist Binnenflucht oder die Flucht bis nach Europa. Es scheint nirgendwo ein Willkommen zu geben.

Seitdem die Bundesregierungen Gebiete innerhalb Afghanistans zu sicheren Zonen erklärt hat, gibt es viele Menschen, die eine Asylablehnung erhalten. Das Abkommen zwischen der EU und der afghanischen Regierung hat die Situation zudem verschärft. Hinzu kommt die medial aufgemachte Inszenierung von Abschiebungen nach Afghanistan. Dies alles schürt bei Betroffenen Ängste. Dies hat immense Auswirkungen auf Erziehung und Bildung: Familien berichten, dass die Situation innerhalb der Familie angespannter ist. Kinder werden auf dem Schulhof gehänselt, „sie würden ja eh nicht lange hierbleiben“. Die Hoffnungslosigkeit bleibt: „Wo sollen wir jetzt noch hin? In Iran und Pakistan werden wir behandelt wie Menschen zweiter Klasse. In Europa hatten wir auf Menschenrechte und Werte gehofft, nun droht uns die Abschiebung“.
Und es zeigt sich, dass es nicht nur um Menschen geht, die erst seit kurzem hier sind: Auch Afghanen, die seit Jahren in Deutschland leben, die Sprache sprechen, kurz vor der Heirat stehen, Arbeit oder Ausbildung haben sind von Abschiebung betroffen.

Der Auftrag des Vereins YAAR ist es, Menschen durch Sprachförderung und Demokratiebildung in die Gesellschaft zu integrieren. Die aktuelle Lage macht es jedoch schwierig, die Menschen für solche Themen zu gewinnen.
Berlin ist eines der wenigen Bundesländer, die seit Sommer 2016 ein eigenes Programm haben, damit Afghanen an Deutschkursen an der VHS teilnehmen können.

Mit den Sammelabschiebeflügen nach Afghanistan schickt man Menschen direkt in den Krieg. Die sogenannten sichereren Gebiete in Afghanistan sind nur für die Menschen sicher, die seit Generationen dort leben, sich in den Region auskennen, Kontakt zu Gruppen haben, die die Sicherheit garantieren können. Es gibt zu viele einzelne Bevölkerungsgruppen, die man nicht einfach in bestimmte Provinzen schicken kann. Zudem werden die meisten Provinzen durch die Taliban oder ISIS kontrolliert.

Katharina Müller berichtet über die politische Situation in Berlin:
250.000 afghanische Staatsangehörige leben derzeit in Deutschland. Im laufenden Asylverfahren befindet sich etwa die Hälfte. 2500 Menschen sind ausreisepflichtig. In Berlin leben 11.000 afghanische Staatsangehörige, von denen 200 ausreisepflichtig sind. Die Anerkennungsquote lag Ende 2015 bei 78%. Ende 2016 nur noch bei 56%  – trotz der dargestellten schlechten Sicherheitslage im Land.

Die Bescheide des BAMF sind meist sehr schlecht: Satzbaukonstruktionen passen nicht zusammen. Es gibt keine neuen Quellen, auf die sich die Entscheidungen zurückverfolgen lassen. Die Aussagen in den Bescheiden widersprechen sich zum Teil. Zudem ist die Qualität der Anhörungen sehr schlecht. Mitunter unterscheidet sich die Person die die Anhörung macht von der, die am Ende die Entscheidung trifft.

Es gibt die politische Vorgabe, dass es mehr Abschiebungen geben soll, daraus resultiert die gesunkene Anerkennungsquote.

Ab einer Anerkennungsquote von 50% ist normalerweise der Zugang zu Programmen und Kursen im laufenden Asylverfahren möglich. Alleine deshalb müssen Integrationskurse für Afghanen geöffnet werden.
Die Panikmache wirkt: Die Zahl der freiwilligen Rückkehrer steigt und belief sich im Jahr 2016 auf 2500. 92 Menschen wurden bisher in vier Flügen abgeschoben. Allerdings befanden sich darin nicht nur Straftäter, wie von Seiten der Politik vordergründig behauptet, sondern auch Menschen, die abgeschoben wurden, obwohl sie in Arbeit oder Ausbildung waren und seit Jahren hier gelebt hatten.

In Berlin gibt es derzeit keinen offiziellen Abschiebestopp, aber die mündliche und schriftliche Äußerung des Innensenators, aus Berlin werde nicht abgeschoben – abgesehen von Straftätern, die erhebliche Straftaten begangen haben. Auch die Grünen und Linken haben geäußert, dass sie keine Abschiebungen mittragen werden.
In Brandenburg gab es ähnliche Verlautbarungen – nun gab es von dort jedoch eine Abschiebung.

Es braucht einen bundesweiten Abschiebestopp nach Afghanistan und weiterhin Druck auf die Landesregierungen, Abschiebestopps auszusprechen und diese Forderung auf die Bundesebene zu tragen. Es braucht andere Lösungen, um Bleibeperspektiven aufzutun und den Menschen einen Anfang in Deutschland zu ermöglichen.

Schleswig-Holstein hat einen dreimonatigen Abschiebestopp verhängt und gleichzeitig das Auswärtige Amt aufgefordert, die Sicherheitslage in Afghanistan neu zu bewerten. Es braucht auch Unterstützung der Landesregierung in Schleswig-Holstein, damit diese ihren Kurs weiter aufrechterhalten kann.

Es bedarf einer Neubewertung der Sicherheitslage im Land, auf Grund der tatsächlichen Gefährungs- und Verfolgungslage. Nur so können die katastrophalen Entscheidungen des BAMF verhindert werden. Auch die Berliner Ausländerbehörde muss sich die 200 ausweispflichtigen Fälle anschauen und im Einzelfall prüfen ob es hier nicht andere Möglichkeiten einer Bleibeperspektive gibt. Ermessenspielräume müssen großzügig genutzt werden.

Ein weiteres großes Problem sind die indirekten Abschiebungen nach Afghanistan über andere Mitgliedstaaten der EU. So häufen sich z.B. Fälle von Abschiebungen nach Norwegen, das weiter nach Afghanistan abschiebt. Auch hier bedarf es dringend einer Einzelfallprüfung und einer Aussetzung der Dublin-Verordnung.

Zusammenfassung der Diskussion im Anschluss:
Eine Frau aus dem Publikum berichtet, dass es in den Ablehnungsbescheiden des BAMF irrwitzige Begründungen für eine Abschiebung gebe: So werde argumentiert, es gebe ja nur 0,02% Gefahr, dass man bei einer Rückkehr umgebracht würde. Zudem sei Binnenmigration auch eine Option. Nicht zuletzt könne man die Polizei um Hilfe bitten (und wenn nicht im eigenen Ort, dann im nächsten).

Es gibt genügend Berichte, dass es strukturelle Gewalt bei der Polizei gibt, ebenso wie Korruption. Es wurde bekannt, dass Offiziere private Gefängnisse haben, in denen Menschen eingesperrt und gefoltert werden, um von den Verwandten Geld zu erpressen.

Es gibt einen gemeinsamen Brief des Innenministeriums und des Auswärtigen Amtes an die Landesinnenminister: In diesem Brief wird erläutert, dass Pakistan und Iran massenhaft Afghanen wieder nach Afghanistan abschieben. Dies wäre doch ein gutes Zeichen – die Nachbarländer wüssten besser als Deutschland, dass man Menschen zurückschieben könnte. Es gib jedoch einen Bericht der UN, dass der größte Teil dieser Menschen unter Zwang abgeschoben wird. Human Rights Watch berichtet zudem von erheblichen Einschüchterungskampagnen der pakistanischen Polizei.

Es gibt seit langem die Forderung, dass Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland und vor ihrer Anhörung beim Bundesamt, Zeit haben, sich auf die Befragung vorzubereiten. Es braucht hierfür Unterstützung.

Auf asyl.net gibt es eine Rechtsprechungsdatenbank sowie Informationen über die Anhörung (auch auf Farsi) sowie Links für UnterstützerInnen, die in der Arbeit tätig sind. Zudem erstellt der Flüchtlingsrat Niedersachen monatlich eine Erkenntnisliste.

 

 

Für weitere Informationen:

Afghanistan Analysts Network

https://www.afghanistan-analysts.org/ 

YAAR

http://www.yaarberlin.de/de/home/

Flüchtlingsrat Berlin

http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/

Berliner Bündnis gegen Abschiebungen nach Afghanistan

https://de-de.facebook.com/Berliner-B%C3%BCndnis-gegen-Abschiebungen-nach-Afghanistan-1238755006209666/

Asyl in der Kirche Berlin e.V.

http://kirchenasyl-berlin.de/

Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

http://www.bildungswerk-boell.de/de

Pro Asyl

https://www.proasyl.de/

SIGAR

https://www.sigar.mil/

EASO Länderbericht Afghanistan 2016

https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwiBybrUgojTAhUFyRQKHVQABOgQFggfMAA&url=https%3A%2F%2Fwww.easo.europa.eu%2Fsites%2Fdefault%2Ffiles%2Fpublic%2FEASO-COI-Afghanistan_Security_Situation-BZ0416001ENN_FV1.pdf&usg=AFQjCNEP37rLwbVIz4yiQSa2yoa1acEBTg

UN-Mission

https://unama.unmissions.org/

DANKESCHÖN!

Am 26.03.2017 fand ein fantastischer Benefizabend mit den Gorillas aus Berlin und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern statt.

Wir möchten uns sehr herzlich bei diesen für ihr Engagement bedanken!

Arnulf Rating (Kabarett)
Dan Richter (Lesung)
IMPRO 2017-Ensemble (Improtheater)
Raksan (Zeitgenössischer Orientalischer Tanz)
Berlin Groove Connection (Jazz, Funk, Soul)
Die Gorillas (Improtheater)


Impressionen vom Abend finden Sie hier:

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Fotos: Irem Nur Yildiz

Offener Brief: Aufforderung an die Berliner Landesregierung: Keine Abschiebungen nach Afghanistan!

An die Landesregierung von Berlin
Der Regierende Bürgermeister von Berlin
– Senatskanzlei –
Jüdenstr. 1
10178 Berlin                                                                                                            Berlin, den 03.03.2017


Aufforderung an die Berliner Landesregierung: Keine Abschiebungen nach Afghanistan!


Sehr geehrte Damen und Herren,

Asyl in der Kirche Berlin e.V. ist äußerst besorgt über Berichte von bereits vollzogenen und weiterhin geplanten Abschiebungen abgelehnter AsylbewerberInnen nach Afghanistan. In unserer Beratungsstelle erleben wir täglich die zunehmende Besorgnis und Angst afghanischer Geflüchteter vor einer Rückschiebung nach Afghanistan, die Schutzlosigkeit bedeutet.

Wir begrüßen die Aussagen der letzten Tage von Berliner Koalitionspartnern, sich nicht an Abschiebungen nach Afghanistan zu beteiligen. Wir fordern den Berliner Senat jedoch auf, von den Möglichkeiten des §60a Aufenthaltsgesetz Gebrauch zu machen und einen dreimonatigen Abschiebestopp für diesen Personenkreis anzuordnen. Damit würde sich der Senat den sechs Bundesländern anschließen, die bisher schon einen solchen Abschiebestopp verfügt haben.

Abschiebungen in Kriegsgebiete sind eine Verletzung der Genfer Flüchtlingskonvention sowie der Menschenrechtscharta. Sie widersprechen eindeutig den humanitären Werten, denen die Bundesrepublik verpflichtet ist.

Wir befinden uns in Übereinstimmung mit internationalen Organisationen wie dem UNHCR und Amnesty International, die feststellen, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan in letzter Zeit sogar noch verschlechtert hat, sodass es unter menschenrechtlichen Kriterien unverantwortbar ist, Geflüchtete in diese Situation abzuschieben und sie damit an Leib und Leben zu gefährden.
Wir widersprechen ausdrücklich der Behauptung des Bundesinnenministers, es gäbe sichere Zufluchtsorte in Afghanistan. Er war bisher nicht in der Lage, solche Zonen konkret zu benennen und die Sicherheit der Abgeschobenen zu garantieren.

Wir fordern die Koalitionspartner der Landesregierung auf, nun zu den in der Vergangenheit immer vertretenen humanitären Grundsätzen zu stehen und gemäß der von uns in Übereinstimmung mit dem „Berliner Bündnis gegen Abschiebungen nach Afghanistan“ erhobenen Forderung einen entsprechenden Abschiebestopp anzuordnen.

Mit freundlichen Grüßen,

Pfarrerin Heike Steller-Gül
Vorsitzende von Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Kirchenasyl in Berlin – Letzte Chance gegen eine Abschiebung

Kirchenasyl – das bedeutet heute, dass Flüchtlinge ohne legalen Aufenthaltsstatus von einer Gemeinde oder Pfarrei vorübergehend aufgenommen werden. Für immer mehr Menschen ist es die letzte Hoffnung darauf, dass ihr Asylverfahren erneut geprüft wird. Von Carmen Gräf  

http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2017/03/kirchenasyl–letzte-chance-gegen-abschiebung.html

Pfarrerin Ute Gniewoß berichtet über die Situation der Flüchtlinge auf Lesbos: „Lesbos ist eine Falle geworden!“

2014 fuhr Pfarrerin Ute Gniewoß das erste Mal zur Initiative Lesvos Solidarity  (lesvossolidarity.org) auf die griechische Insel Lesbos, um dort die Arbeit der Freiwilligen im Camp Pikpa zu unterstützen. 2015 und 2016 folgten zwei weitere Reisen dorthin. Am 22. März 2017 berichtete die Pfarrerin der Heilig-Kreuz-Passion-Kirche in einer Abendveranstaltung von Asyl in der Kirche von ihren Eindrücken und Erlebnissen vor Ort.

Lesbos – eine mediterrane Insel in der Ägäis und eigentlich Kulisse für einen  perfekten Traumurlaub am Meer. Heute jedoch ist die Insel zum Symbol für das Versagen der Europäischen in einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik geworden. Bilder von brennenden Unterkünften aus dem staatlichen, hoffnungslos überfüllten Aufnahmelager Moria gingen 2016 um die Welt. Zwischenzeitlich lebten 4000-5000 Menschen auf engsten Raum beieinander. Pfarrerin Gniewoß berichtete von endlosen Menschenschlagen, die im strömenden Regen im Lager auf ihre Registrierung warteten. Aufgrund des EU-Türkei-Deals können die Menschen Lesbos nicht verlassen. „Lesbos ist eine Falle geworden!“, so Pfarrerin Gniewoß.

Die Initiative Lesvos Solidarity ermöglicht in Pikpa in dieser humanitären Notlage den Geflüchteten eine menschenwürdige Zuflucht. In freier Trägerschaft arbeiten dort duzende internationale Freiwillige zusammen. Sie alle verbindet die Solidarität mit den in Not leidenden Menschen. Statt tausenden Menschen in Massenunterkünften leben in Pikpa ungefähr hundert Geflüchtete. Diesen wird von Anfang an ermöglicht, für sich selbst zu kochen. Ein Tagesprogramm strukturiert den Alltag. Es gibt einen Kindergarten und Sprachunterricht. Die Initiative wird allein durch Spenden finanziert. 2016 wurde der Initiative der Nansen-Flüchtlingspreis der Vereinten Nationen verliehen.

Was können wir hier in Berlin tun? Pfarrerin Gniewoß zögerte nicht lange und riet den Anwesenden, auf Lesbos Urlaub zu machen oder selbst Freiwilliger oder Freiwillige in Pikpa zu werden. Der Tourismus sei um 70-90% eingebrochen, einige Bewohner der Insel beginnen, mit den vermeintlich einfachen Lösungen rechtspopulistischer Parteien zu sympathisieren. Wem eine Reise nach Lesbos zu aufwendig ist, kann auch durch Spenden die Arbeit von Lesvos Solidarity unterstützen. Pfarrerin Gniewoß fährt jedenfalls auch in diesem Jahr wieder nach Lesbos, um die Arbeit der Freiwilligen in Pikpa zu unterstützen.

 


Bericht: Moritz Kulenkampff, Praktikant bei Asyl in der Kirche und der Flüchtlingskirche

Jetzt kommt der blaue Hund!

Unsere Freiwillige, Irem Nur Yildiz, hat den Alphabetisierungskurs unserer Freiwilligengruppe „Weltweit“ besucht und berichtet über singende Menschen und blaue Hunde.

 

Alphabetisierungskurs

Foto: Irem Nur Yildiz

Seit November 2016 bietet unsere Freiwilligengruppe „Weltweit“ einen Alphabetisierungskurs in der Flüchtlingskirche an. Ein neues Konzept hat sich hier bewährt: Es gibt verschiedene Gesten für jeden Buchstaben, sodass der Kurs zu einem Zeichensprachkurs wird. Die rund zehn Schülerinnen und Schüler sitzen gestikulierend an ihren Tischen und wiederholen lachend den Satz „Jetzt kommt der blaue Hund!“.

In einem weiteren Schritt fängt die Gruppe an zu singen. „Lernen mit Lieder ist sehr effizient“ sagt die Lehrerin. „Obwohl die Schüler keine grammatikalischen Regeln oder Worte kennen, können sie sich doch mit den Worten ausdrücken, die sie durch die Lieder auswendig gelernt haben.“ Der Lernprozess basiert auf Wiederholungen, Bildern und Liedern, die für eine unterhaltsame Atmosphäre sorgen und den Spaß am Lernen aufrechterhalten.

Es gibt nicht nur einen, sondern mehrere Lehrer im Unterrichtsraum, denn die individuelle Unterstützung ist ein wichtiges Element, da jeder Schüler im Raum ein unterschiedliches Sprachniveau hat.

Die Stimmung in der Klasse ist sehr freundlich. Lehrer und Schüler singen zusammen, haben kleine Gespräche zwischendurch und benutzen ihre einzigartige Sprache um zu kommunizieren. Ein 60-jähriger Schüler schreibt auf einem Blatt Papier immer wieder die selben einfachen Worte, genau wie wir alle es getan haben, als wir mit 7 Jahre schreiben lernten. Die Lehrer diskutieren potenzielle Probleme der Schüler auch in den Pausen mit einer bemerkenswerten Hingabe.

„Das größte Problem der Schüler ist, dass sie die Sprache im Alltag kaum praktizieren.“ sagt die Lehrerin. Geflüchtete haben oft keine deutschen Freunde zum Reden. Aus diesem Grund ist es so wichtig, Gelegenheiten zu haben, in denen Geflüchtete und Deutsche miteinander interagieren und kommunizieren können. Und auch wenn es nur eine Stunde in der Woche ist: einen Menschen und seine Kultur kennenzulernen ist ein Geschenk – auch wenn wir daran denken, was neue Freundschaften auch für uns bedeuten.

Der Besuch im Alphabetisierungskurs von „Weltweit“ hat mich beindruckt: Auf der einen Seite gibt es Menschen, die nicht nur eine völlig neue Sprache lernen müssen, sondern auch Lesen und Schreiben zum ersten Mal in ihrem Leben kernen. Und dann gibt es die vielen engagierten Ehrenamtlichen, die diese Menschen darin unterstützen. Und beide Seiten kommen hier zusammen und lernen auch gegenseitig.

Das macht mir große Hoffnung für ein gutes Zusammenleben!

 

Irem Nur Yildiz, Freiwillige bei Asyl in der Kirche Berlin e.V.
Im März 2017

Asyl in der Kirche Berlin e.V. beteiligt sich vom 25.-27. Mai 2017 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag

Sie finden uns in Halle 7.2 auf dem Messegelände im „Begegnungsort Willkommenskultur“.
Am Freitag, den 26.05. freuen wir uns auf Gespräche mit Ihnen an unserem Infostand, von 10:30 bis 18 Uhr.

Der Begegnungsort Willkommenskultur bietet vielfältige Möglichkeiten für Begegnung und Informationen rund um das Zusammenleben mit Geflüchteten. Zudem haben Sie die Möglichkeit, an allen drei Tagen die Ausstellung „Kinder spielen überall“ zu sehen. Diese Ausstellung wurde von Asyl in der Kirche Berlin e.V. zusammen mit dem Fotografen Tim Lüddemann und mit Unterstützung der EKBO realisiert. Die Ausstellung zeigt auf 20 großformatigen Bildern Kinder auf der Flucht aus dem Jahr 2015, in Flüchtlingslagern auf der sogenannten Balkanroute. Die Ausstellung steht nach dem Kirchentag zur Ausleihe zur Verfügung.

 

Newsletter Asyl in der Kirche Berlin e.V. – April 2017

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