03.08.2017
Newsletter August 2017

Liebe Mitglieder,
liebe Interessierte,

am 24.07.2017 ist unser Gründungsmitglied, ehemaliges Vorstandsmitglied und langjähriger Mitarbeiter in der Geschäftsstelle von Asyl in der Kirche Berlin e.V., Eberhard Vorbrodt, verstorben.

Sie finden in diesem Newsletter die Traueranzeige und den Nachruf für Eberhard Vorbrodt.

Unsere Freiwillige, Irem Nur Yildiz, wird ihren Freiwilligendienst nach einem Jahr nun beenden. Wir danken ihr sehr herzliche für ihr Engagement im Verein und wünschen ihr für die Zukunft alles Gute. Sie hat für diesen Newsletter einige Beiträge verfasst und wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.

Mit freundlichen Grüßen aus der Geschäftsstelle,
Hannah Reckhaus-Le Treut,
Feride Berisha und
Irem Nur Yildiz (Freiwillige)

Kirchenasyle in Berlin und Brandenburg, Stand 27.07.2017

Berlin: Wir wissen zurzeit von 24 Kirchenasylen mit mindestens 50 Personen, davon sind 16 Kinder.

Brandenburg: Wir wissen zurzeit von 51 Kirchenasylen mit mindestens 83 Personen, davon sind 21 Kinder.

 

Veranstaltungshinweise

Freitag – Sonntag, 24.-26.11.2017

Inside Europe – Kirchenasyl vernetzt

Internationale Fachtagung in Augsburg.

Eine Kooperation von: Grandhotel Cosmopolis, Bayerischer Flüchtlingsrat, Jesuiten Flüchtlingsdienst, Tür an Tür, Holbein-Gymnasium, Initiative Kirche von Unten und Ökumenische BAG Asyl in der Kirche.

——

Fortbildung des Berliner Missionswerkes und  dem
Ev. Zentralinstitut für Familienberatung

Grenzen, Brücken und Stolpersteine
Beratung und Begleitung von Geflüchteten

 Dagmar Apel / Sabine Habighorst

6./7. Oktober 2017
8./9. Dezember 2017
16./17. Februar 2018

Flyer-ezi-Oktoer-2017

Unterstützen Sie Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Von Sommerpause und ruhigen Stunden im Büro sind wir weit entfernt: Täglich kommen Menschen in unsere Beratungsstelle und bitten um Kirchenasyl. Unsere Beraterinnen prüfen die Fälle sehr genau – und nicht bei jeder Anfrage ist Kirchenasyl geboten. Aber selbst bei denen, die durch die Beratung als absolute Härtefälle eingestuft werden haben wir ein großes Problem: Es ist derzeit schwer, in Berlin eine Gemeinde zu finden, die Kirchenasyl gewähren kann. Dies hat die unterschiedlichsten Gründe.

Wir möchten Sie bitten: Sollte Ihre Gemeinde bereit sein, Kirchenasyl zu gewähren; haben Sie Möglichkeiten der Unterbringung, der finanziellen Unterstützung oder der Begleitung eines Falls von Kirchenasyl – dann melden Sie sich bitte bei uns! Das Büro ist auch den Sommer über besetzt und wir sind sehr auf Ihre Unterstützung angewiesen!

Asyl in der Kirche Berlin e.V.
Telefon: +49 30 695 98 525
info@kirchenasyl-berlin.de

Veranstaltungsprogramm 2. Halbjahr 2017

Di
19.09.17

19:30 Uhr

Podiumsdiskussion:
Menschenrechte stehen nicht zur Wahl!
Kirchenasyl – aktiv im Flüchtlingsschutz

Flüchtlingskirche Berlin
St.-Simeon-Kirche
Wassertorstraße 21a
10969 Berlin (Kreuzberg)

Do
21.09.17

19–21 Uhr

Forum Asyl mit St. Christophorus.
Informationsveranstaltung:
Kirchenasyl als ‚ultima ratio‘

Katholische Kirchengemeinde
St. Christophorus
Nansenstraße 4
12047 Berlin (Neukölln)

Sa
14.10.17

10-16 Uhr

Kirchenasyl-Workshop: Eine Einführung
Anmeldung an: info@kirchenasyl-berlin.de

Familienzentrum
Nostitzstraße 6
10961 Berlin (Kreuzberg)

Mi
18.10.17

19 Uhr

Außerordentliche Mitgliederversammlung
Anmeldung an: info@kirchenasyl-berlin.de

Foyer der Heilig-Kreuz-Kirche
Zossener Str. 65
10961 Berlin (Kreuzberg)

Sa 21.10.17

So 22.10.17

12-18 Uhr

14 Uhr

22. Kunstauktion der EKBO
zugunsten von Projekten für Flüchtlinge & MigrantInnen

Heilig-Kreuz-Kirche
Zossener Str. 65
10961 Berlin (Kreuzberg)

Sa
4.11.17

10–12 Uhr

Forum Asyl mit St. Christophorus.
Informationsveranstaltung:
Kirchenasyl als ‚ultima ratio‘

Kath. Gem. Heilige Dreifaltigkeit
Neustädtische Heidestr. 25 14776 Brandenburg/Havel

Di
21.11.17

18 Uhr

Diskussionsveranstaltung:
Festung Europa und USA – die Situation von Flüchtlingen an den Außengrenzen.
Eine gemeinsame Erklärung von Christen in Deutschland und den USA.

Heilig-Kreuz-Kirche
Zossener Str. 65
10961 Berlin (Kreuzberg)

Fr bis Sa
24.-26.
11.17

 

Inside Europe – Kirchenasyl vernetzt
Internationale Fachtagung der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V.

Grandhotel Cosmopolis
Springergässchen 5
86152 Augsburg

Sa 2.12.17

14–18 Uhr

Adventsbasar in der Heilig-Kreuz-Kirche u.a. mit Asyl in der Kirche Berlin e.V. und „Weltweit“

Heilig-Kreuz-Kirche
Zossener Str. 65
10961 Berlin (Kreuzberg)

Mi 13.12.17

19 Uhr

Adventliches offenes Mitgliedertreffen

Samariterkirche
(Gemeindehaus)
Samariterstraße 27
10247 Berlin (Friedrichshain)

Mi 17.01.18

19 Uhr

Jahresempfang Asyl in der Kirche Berlin e.V.
mit der Generalsuperintendentin des Sprengels Potsdam, Heilgard Asmus:
„Kirchenasyl – das deutliche Zeichen. Erfahrungen aus Stadt und Land.“

Heilig-Kreuz-Kirche
Zossener Str. 65
10961 Berlin (Kreuzberg)

Bitte beachten Sie, dass kurzfristig Änderungen möglich sind. Änderungen werden auf unserer Homepage zeitnah zur Veranstaltung bekannt gegeben.

 

 

Irem Nur Yildiz: Mein FSJ bei Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Seit dem 12. September 2016 war ich als Freiwillige bei Asyl in der Kirche Berlin e.V. aktiv.

Während meiner ersten Wochen bei Asyl in der Kirche hatte ich die Chance, mich über das Konzept Kirchenasyl in Deutschland zu informieren, was für mich völlig neu war. Nebenbei habe ich auch die Arbeit in unserer Beratungsstelle kennengelernt. Hierher kommen Flüchtlinge wenn sie Hilfe brauchen. Durch meine Zeit dort habe ich viele Aspekte über Migration in Deutschland kennengelernt. Ich finde es sehr interessant, in der Beratungsstelle die vielen unterschiedlichen Geschichten von Flüchtlingen zu hören.

In meinem Freiwilligenjahr habe ich die Geschäftsstelle von Asyl in der Kirche unterstützt und habe viel Büroarbeit gemacht. Dadurch habe ich gesehen wie alles im Büro funktioniert, war an der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen beteiligt, habe an Meetings teilgenommen und habe an Seminaren, Workshops und Konferenzen teilnehmen können.

Ich schätze mich sehr glücklich, weil ich an der Veranstaltung “Beyond Europe” teilnehmen konnte, die durch die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche ausgerichtet wurde. Ich persönlich fand den Workshop “EU-Türkei Deal” sehr interessant, da ich viele neue Aspekte gelernt habe.

Ich habe in meiner Freizeit an Theaterworkshops mit Flüchtlingsfrauen teilgenommen. Das Konzept war “Kommunikation ohne Sprache” und dort habe ich erfahren, dass es möglich ist, auch ohne Sprache zu kommunizieren, was ich sehr toll fand.

Ab Anfang 2016 kam die ehemalige Geschäftsführerin aus ihrer Elternzeit wieder und meine Aufgaben im Verein haben sich etwas verändert. Nun hatte ich zwei Mentorinnen, was auf der einen Seite mehr Organisation im Team bedeutete, auf der anderen Seite aber auch mehr Aufgaben und Möglichkeiten in der Arbeit eröffnete:
Da ich sehr gerne schreibe, übernahm ich die Verantwortung für unseren Newsletters, der alle zwei Monate veröffentlicht wird. Ich war verantwortlich für das Layout und auch den Inhalt – meine Beiträge bestanden aus Interviews mit UnterstützerInnen und Menschen im Kirchenasyl, Berichte über Veranstaltungen und meiner Freiwilligenarbeit. Diese sogenannte ‚Journaling‘ war für mich sehr interessant, da ich in der „Beobachter“ -Position war, die mich lehrte, etwas objektiv zu erzählen.

Seit April 2017 habe ich eine Familie aus der Türkei begleitet, die eine Zeitlang im Kirchenasyl war. Die Familie braucht jemanden, der ihnen bei der Kommunikation hilft, da sie kein Deutsch sprechen. Ich übersetzte, begleitete zu Ärzten und unterstützte bei alltäglichen Fragen. Es fühlte sich immer wie eine große Verantwortung an, da ich die einzige Person war, mit der sie direkt sprechen konnten. Am Ende meines Freiwilligendienstes wird es mir schwer fallen, von der Familie Abschied zu nehmen.

In Zukunft hoffe ich einen Job zu bekommen, in dem ich mit Flüchtlingen arbeiten kann. Mit den Erfahrungen, die ich hier in Deutschland gemacht habe, kann ich die Situation in der Türkei besser einschätzen.

Ich möchte mich bei all meinen KollegInnen im und außerhalb des Büros für unsere Zusammenarbeit bedanken. Ich wünsche den vielen Aktiven im Verein Asyl in der Kirche Berlin e.V. viel Mut und Kraft bei der Arbeit.

 

Irem Nur Yildiz
01.08.2017

 

Irem Nur Yildiz: Begleitung eines Kirchenasyls

Seit April 2017 kümmere ich mich um eine kurdische Familie aus der Türkei.

Die Familie besteht aus drei Personen: einer Mutter, einem Vater und dem einjährigen Sohn. Das erste, was mit aufgefallen war, war ihr Alter. Denn sowohl Mutter als auch Vater sind in meinem Alter. Obwohl wir ‚Altersgenossen’ sind machte es mir das nicht leichter, ihre Geschichte zu verstehen.

Da keiner aus der Familie Deutsch sprechen konnte, habe ich für die Familie bei der Beratung übersetzt. Ich habe mich am Anfang nicht wohl dabei gefühlt, der Familie Fragen über ihre Zeit in der Türkei zu stellen, weil ich nicht wusste, was sie dabei über mich denken würden. Eine Türkin aus der Türkei, eine Person von der „anderen Seite“? Aber meine Bedenken waren unbegründet. Es hat nicht lange gedauert und wir haben uns besser kennengelernt. Bei einem Besuch von mir haben mir die beiden alles über ihre Flucht erzählt.

Es gibt viele Gründe, warum die Familie ihre Heimat verlassen musste, darunter auch einige Geschichten aus meinem Land, die ich noch nie gehört habe. Sie ertrugen eine sehr lange Flucht nach Slowenien zu Fuß, mit einem zwei Monate alten Baby. Schließlich haben sie es geschafft, nach Deutschland zu kommen, aber mit einer Angst, die noch da war: Angst vor Abschiebung.

Die Angst wurde wahr. Sie haben einen Brief bekommen, der ihnen die Abschiebung ankündigt. Dies war der Moment, in dem sie in der Beratungsstelle von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Hilfe gesucht haben. Die Geschichte der Familie wurde sehr genau geprüft und es wurde festgestellt, dass es sich um einen Härtefall handelt. Mittlerweile war die Frau erneut schwanger, aber mit einer Risikoschwangerschaft, was bedeutete, dass sie viel liegen musste.

Es gelang, eine Gemeinde zu finden, die der Familie Kirchenasyl gewährte. Die Geschichte der Familie wurde durch die Gemeinde noch einmal aufgeschrieben und die Behörden wurden gebeten, sich den Fall noch einmal anzusehen, mit der Bitte, dass die Familie ihren Asylantrag in Deutschland durchführen lassen könne.
Nach ca. vier Wochen kam die erlösende Nachricht: Sie konnten ihren Asylantrag in Berlin stellen. Wenig später bekamen sie eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr.

Für uns scheint es nur ein Stück Papier zu sein. Es ist aber nicht möglich mit Worten zu beschreiben, was dies der Familie bedeutet. Das Kirchenasyl war also beendet – und ich wurde gefragt, ob ich sie weiterhin unterstützen möchte.

Obwohl es eine sehr Verantwortung für mich ist, dass ich die einzige Person bin, mit der sie direkt sprechen konnten, hätte ich niemals daran gedacht abzulehnen.

Freiwilligenarbeit bringt viele schöne Gefühle sowie Beziehungen mit sich. Wir wurden Freunde und ich wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Wir hatten mehrere schöne Treffen, z.B. das traditionelle Zuckerfest, Abendessen, Frühstück, Spaziergänge durch Parks. Es ist sehr bewegend für mich zu sehen, dass ihre 1-jähriges Kind lächelnd auf mich zukommt, wenn es mich sieht.

Das ist für mich ein Beweis für ein mögliches Zusammenleben!

 

Irem Nur Yildiz, August 2017

Unser Sommerfest am 08. Juli 2017

Am 08. Juli haben wir Mitglieder, Ehrenamtliche, Geflüchtete und UnterstützerInnen zu einem kleinen Sommerfest in den Garten der Heilig-Kreuz-Kirche eingeladen.

Es war ein schönes Fest der Begegnung: zwischen 50 und 60 Personen haben bei wunderbarem Wetter den Weg zu uns gefunden.

Der Bitte, einen kleinen Beitrag zum gemeinsamen Buffet beizutragen, waren viele nachgekommen: Am Ende bog sich der Tisch mit Börek, Salaten, Kuchen, Obst und vielem mehr!
Herzlichen Dank dafür!

„Die Gorillas“ aus Berlin sorgten zu Beginn mit einer Animation dafür, dass sich die Anwesenden besser kennenlernten. Danke an Barbara und Lutz von den Gorillas für ihr Engagement!

Im Anschluss wurde es laut: Copa sorgte mit seinen Trommeln für ordentlich Stimmung! Danke an Copa und seine MitspielerInnen!

Bei herrlichem Wetter konnten alle das Sommerfest im Garten von Heilig-Kreuz genießen!

Alle Fotos: Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Gottesdienst für die Toten an den EU-Grenzen

Sterben auf dem Weg der Hoffnung

Ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an die Verstorbenen an den EU-Außengrenzen am 23.06.17 in der katholischen Kirchengemeinde St. Canisius in Berlin-Charlottenburg
von Michael Haas Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums.

„Als ich das Motto des Gottesdienstes las, musste ich erst einmal schlucken“, gesteht Erzbischof Dr. Heiner Koch eröffnend. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass die rund 200 Mitfeiernden des ökumenischen Gottesdienstes zum Gedenken an die Verstorbenen an den EU-Außengrenzen schlucken müssen. Das Schicksal von Menschen, die den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer auf sich nahmen und täglich nehmen, um in Europa Schutz und die Perspektive auf ein Leben in Würde zu erlangen, wird in dieser Stunde anlässlich des UN-Weltflüchtlingstages eindrücklich vor Augen geführt.

Bischof Dr. Markus Dröge führt mit Bezug auf den Eingangsspiritual in den Gottesdienst ein: „Nobody knows the Trouble they have seen. (…) Menschen sterben nur deshalb, weil sie auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten sind. Was ist das für eine Welt?“ Angesichts des unvorstellbaren Leids, das zu uns Fliehende in ihren Heimatländern erfahren und das sich auf der Flucht fortsetzt, vereine uns Christinnen und Christen die Forderung nach sicheren Zugangswegen zum Menschenrecht auf Asyl. Dem Vorbild Jesu folgend, treten wir dem Tod entgegen: „Mutig und kraftvoll. Rebellisch und doch sensibel“ – weil wir aus der Hoffnung leben und uns gegen Krieg und Verzweiflung einsetzen, nicht zuletzt durch unser Gebet, „dass Ohnmacht und Traurigkeit nicht das letzte Wort haben werden in dieser Welt.“

Geschluckt wird erneut bei den persönlichen Schilderungen. Eine junge Frau aus Syrien etwa muss von einigen Menschen berichten, die sie auf der strapaziösen Fahrt über das Mittelmeer sterben sah. Nun hofft sie auf den Nachzug ihres Ehemannes. Eine junge Eritreerin, die in Libyen schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt war, welche sich in Italien wiederholten, versucht nun, der Rückschiebung dorthin im Schutz des Kirchenasyls zu entgehen.

Der rezitierte Psalm lässt die Aktualität der Heiligen Schrift deutlich werden: „Ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort… Zieh mich heraus aus dem Verderben, aus dem tiefen Wasser!“ Die Gemeinde wird mit hinein genommen in die Dynamik vom Flehen zur Hoffnung: „Schaut her, ihr Gebeugten, und freut euch; ihr, die ihr Gott sucht: euer Herz lebe auf! Denn der Herr hört auf die Armen, er verachtet die Gefangenen nicht.“

Bezug nehmend auf das in Tigrinya, der Sprache Eritreas, vorgetragene Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37), weist Erzbischof Dr. Heiner Koch in seiner Predigt auf das verloren gegangene Mitleid in unserer Welt hin. Mit den Worten Papst Franziskus‘ mahnt er an: „In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert und nicht, es geht uns nichts an!“ Wer also, wenn nicht wir Christen, sind gerufen, Hoffnung in die Welt zu bringen angesichts der zu uns kommenden Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger? Die uns geschenkte Frohe Botschaft rufe uns auf, Jesus Christus in der Pro-Existenz, im Da-Sein für Andere, nachzufolgen.

Er betont dies in verschiedenen Dimensionen: jede und jeder im persönlichen Einsatz auf Augenhöhe, als gemeinsame Stimme der Menschlichkeit im nationalen (etwa gegen populistische Tendenzen) und internationalen Diskurs, denn: „Christinnen und Christen zu sein bedeutet, politisch zu sein.“ Eine Willkommenskultur für Geflüchtete hier sowie kirchliche Arbeit zur Beseitigung von Fluchtursachen in den von Krisen geschüttelten Ländern gehören genauso dazu wie die Forderung nach sicheren Zugängen zu Asyl in Europa. Gerechtigkeit müsse unser Maßstab sein – „sonst sind wir mitten im Leben noch toter als die Toten des Mittelmeers.“

Der Aufruf an alle Mitfeiernden, im Gedenken für eine an der Grenze verstorbene Person eine Kerze zu entzünden und ihren Namen laut oder still vor Gott zu bringen, lassen das Ausmaß der Katastrophe, die sich im größten Massengrab unserer Zeit ereignet, jenseits der schockierenden, doch abstrakten Opferzahlen spürbar werden.

Die Worte aus dem Gebet von Papst Franziskus bei seinem Besuch auf Lampedusa bringen die Intention der Feier auf den Punkt:

„Auch wenn viele ihrer Gräber keinen Namen tragen, ist doch jeder von ihnen Dir bekannt, von Dir geliebt und erwählt. Mögen wir sie nie vergessen, sondern ihr Opfer ehren, mit Taten mehr als mit Worten. … Indem wir für sie sorgen, lass uns zugleich eine Welt anstreben, in der niemand gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, und wo alle in Freiheit, Würde und Frieden leben können. Barmherziger Gott und Vater aller, wecke uns auf aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit, öffne unsere Augen für ihre Leiden und befreie uns von der Gefühllosigkeit, die der weltliche Wohlstand und die Selbstbezogenheit in uns erzeugen. Verhilf uns – Nationen, Gemeinschaften und Einzelnen – zu der Erkenntnis, dass sie, die an unseren Küsten landen, unsere Brüder und Schwestern sind. Lass uns den Segen mit ihnen teilen, den wir aus Deiner Hand empfangen haben, und begreifen, dass wir als eine einzige Menschheitsfamilie alle miteinander Wanderer sind…“

Gerahmt wurde der Gottesdienst durch die abschließende Ausstellung des Kunstevents MOTHER LOVE, das im Rahmen der Serie VOICE OF ART Kindern auf der Flucht und den Artikeln 37 (Schutz vor Folter) und 38 (Schutz vor Krieg) der UN-Kinderrechtskonvention gewidmet ist. Verschiedenste aktuelle Werke einer internationalen Gruppe von renommierten Künstlern weisen auf eine Macht hin, die Völker über Grenzen und Kulturunterschiede hinweg zu einen vermag – MUTTER LIEBE.

Am Ende bleibt die Hoffnung. Unter dem Segen der beiden Bischöfe, ein weiteres ermutigendes Zeichen der gelebten Ökumene, laden die Initiatoren Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), das Erzbistum Berlin, der Verein Asyl in der Kirche Berlin, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) und die Gemeinschaft Sant‘ Egidio zu Begegnung und Gespräch ein.

Quelle: http://www.erzbistumberlin.de/medien/schlaglichter/schlaglicht/datum/2017/06/27/sterben-auf-dem-weg-der-hoffnung/

Hinführung vom Evangelischen Landesbischof Dr. Markus Dröge

Predigt von Erzbischof Dr. Heiner Koch

Nachruf für Eberhard Vorbrodt

(4. August 1937 – 24. Juli. 2017)

Anfang des Jahres, bei unserem alljährlichen Jahresempfang von Asyl in der Kirche, waren wir in der Heilig-Kreuz-Kirche zusammengekommen, um Eberhard aus seinem unermüdlich aktiven in den endgültigen Ruhestand zu verabschieden. Schon im Dezember hatte Eberhard uns mit Worten des Predigers Salomo darauf vorbereitet, dass die Zeit für ihn gekommen sei.

Eberhard war „Urgestein“ unseres Vereins. Vor mehr als 30 Jahren nach der großen Friedensdemonstration 1982 fanden er und seine Frau Traudl, beide von Pax Christi, Anschluss an eine damals noch kleine Kirchenasyl-Runde evangelischer Kirchengemeinden. Man traf sich bei Jürgen Quandt in der Nostitzstraße. Eberhards und Traudls Beitrag zur Flüchtlingsproblematik waren kostenlose Sprechstunden und Beratung für Flüchtlinge in seiner Frauenarztpraxis. Nach der Wende und Vereinsgründung 1993 übernahm Eberhard ganz selbstverständlich die Betreuung und Verwaltung der Spenden für die Flüchtlingsarbeit und wuchs zunehmend in die Rolle des Haushalters hinein, eines inoffiziellen Geschäftsführers, wobei er eine sehr eigenständige Systematik entwickelte. Er war der große Netzwerker, hatte die Übersicht und rief selbst vom Krankenbett aus noch an, um an diese oder jene Angelegenheit mahnend zu erinnern. Immer wieder stand er mit neuer Lebenskraft und Lebensmut von seinem Krankenbett auf. Er hat viel gelitten und mit einer schier unbezähmbaren Willensstärke sich doch immer wieder hoch gerafft.

Eberhard hat die Asylarbeit zu seiner Herzensangelegenheit gemacht. Wir sehen einen Menschen vor uns, der mit hoher Verantwortungsbereitschaft und großer Sensibilität wachsam und skeptisch in die Welt hineingeht. Wir erinnern uns an einen Menschen mit einem unnachahmlichen Gespür als Arzt dafür, was politisch dran ist. Wir denken an einen Menschen, der kritisch und offen für die Nöte unserer unmittelbaren Mitwelt eintrat. Unbeirrbar, manches Mal auch ungeduldig, ist er seinen Weg gegangen und bewahrte sich dabei seine neugierige Offenheit für andere Menschen und Kulturen. Mit seinem sonoren Bass verschaffte er sich Gehör in unseren Sitzungen und sang im Orthodoxen Deutschen Chor.

Eberhard ist von uns gegangen. Seine aus der Tiefe kommende Kraft, seine selbstverständliche Widerständigkeit und Ungebrochenheit, seine wachsame und kritische Wegbereitung der Kirchenasylbewegung durch mehr als drei Jahrzehnte werden uns für immer fehlen. Eine prophetische Stimme ist für immer verstummt. Wir sind dankbar, dass wir Eberhard begegnen durften und er uns teilhaben ließ an seiner aufmerksamen Achtsamkeit gegenüber unserer Welt, gegenüber Gerechtigkeit und Frieden in unserem sozialen Umfeld. Mit seiner Frau, Kindern und Enkelkindern trauern wir um einen treuen Freund und begreifen diesen endgültigen Abschied nur langsam.

Irgendwann ist mal Schluss“ hatte Eberhard uns vor Weihnachten vergangenen Jahres zugerufen und aus dem Prediger Salomo (3,6) zitiert:

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit. 

Ellen Wagner 
im Namen des Vorstands von Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Irem Nur Yildiz: Kommunikation für eine andere Welt

„Rechtspopulismus nimmt überall auf der Welt zu“ – ein Satz, den ich oft gehört habe, seit ich ein kleines Kind war. Geboren im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als in Demokratien überall auf der Welt neue rechtspopulistische Parteien gegründet wurden, wurde ich Zeugin, wie diese zunehmend an Macht gewannen. Dies machte die intolerante, engstirnige und unfreie Welt für mich immer normaler. Als ich alt genug war, diese Welt, die normal war und sich doch falsch anfühlte, zu hinterfragen, wurde ich eine neue Istanbulerin.

Die Stadt, in die ich im Alter von 18 Jahren für mein Studium kam, hat mich enorm bereichert, nicht nur in akademischer, sondern auch in persönlicher Hinsicht. Trotz der intoleranten medialen Narrative in meinem Land habe ich in den vier Jahren meines Studiums in Istanbul die Erfahrung einer Willkommenskultur gemacht, die Respekt für Vielfalt unterstützt. Während dieser Zeit strandeten mehrere Wellen von syrischen Flüchtenden in Istanbul, die in Hoffnung auf ein Leben ohne Hass in die Türkei geflohen waren. In der Folge sah ich, wie Menschen, Einheimische wie Zugezogene, sich zusammentaten, um unsere neuen Nachbar*innen ehrenamtlich zu unterstützen – indem sie ihnen Sprachunterricht, Beratung und andere Hilfestellungen anboten. Sie brachten ihre Motivation aufs höchste Maß, indem sie gemeinsam arbeiteten. Ich habe realisiert, dass Kommunikation, besonders interkultureller Art, der Schlüssel für eine alternative Welt ist.

Nachdem ich mein Studium in Istanbul beendet habe, begann ich meinen Freiwilligendienst in einem Projekt mit Geflüchteten in Berlin, einer weiteren Stadt, in der Vielfalt wertgeschätzt wird. Mein Projekt hier hat mir einen tieferen Einblick in die Flüchtlingskrise in Europa sowie einige aufschlussreiche Erfahrungen mit Geflüchteten gegeben. Ich habe an einem Theaterworkshop mit geflüchteten Frauen zu dem Konzept „Kommunikation ohne Sprache“ teilgenommen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es möglich ist, trotz Sprachbarrieren zu kommunizieren. Da die Art der Kommunikation, die wir gewöhnt waren, nicht mehr funktionierte, war es erhellend, andere Wege zu finden. Und ich realisierte, dass nicht nur Rechtspopulismus, sondern auch Toleranz in der Welt an Aufschwung gewinnt. Solange wir zugänglich sind für Kommunikation und dafür, unsere Unterschiede wertzuschätzen, ist eine andere Welt möglich.

 

Irem Nur Yildiz, Juli 2017

 

Newsletter August 2017 als PDF

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