13.02.2017
Newsletter Februar 2017

Liebe Mitglieder,
lieber Interessierte,

Sie lesen hier den neuen Newsletter von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Zukünftig möchten wir etwa alle zwei Monate eine Übersicht der vergangenen und bevorstehenden Veranstaltungen, Interviews und Geschichten aus dem Kirchenasyl, Neuigkeiten und Berichte aus der Vereinsarbeit, Pressemitteilungen und Aufrufe in diesem Format für Sie gebündelt zur Verfügung stellen.

Wir freuen uns auch über Ihre Beiträge!

Mit freundlichen Grüßen aus der Geschäftsstelle,
Hannah Reckhaus-Le Treut,
Feride Berisha und
Irem Yildiz (Freiwillige)

 

Kirchenasyle in Berlin und Brandenburg, Stand 09.02.2017

Berlin: Wir wissen zurzeit von 22 Kirchenasylen mit mindestens 36 Personen, davon sind 14 Kinder.

Brandenburg: Wir wissen zurzeit von 23 Kirchenasylen mit mindestens 33 Personen, davon sind 8 Kinder.

 

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Veranstaltungshinweise

Mittwoch, 15. Februar 2017, 19 Uhr
Seminarraum der Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Straße 65,
10961 Berlin (Kreuzberg)

Asyl in der Kirche Berlin e.V. lädt ein:
Kann es eine antirassistische Kirche geben?“
mit Johannes Brandstäter vom Zentrum für Migration und Soziales der Diakonie Deutschland

„Es kann hier nur um das Wie gehen“, sagt Pfarrer Bernhard Fricke, stellvertretender Vorsitzender von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Er wird den Abend moderieren. „Eine Kirche, die sich für die Rechte der Flüchtlinge stark macht und sich im Flüchtlingsschutz engagiert, muss auch antirassistisch sein.“
Johannes Brandstäter ist Referent für migrationspolitische Grundsatzfragen bei der Diakonie Deutschland.
Nach einer Einführung in das Thema wollen wir diskutieren, welche Initiativen in dieser Zeit für gleiche Würde und gleiche Rechte zu ergreifen sind.

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Mittwoch, 22.März 2017, 19 Uhr
Foyer der Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Straße 65, 10961 Berlin (Kreuzberg)

Asyl in der Kirche Berlin e.V. lädt ein:
Zur Situation Geflüchteter auf Lesbos. Mit Ute Gniewoß, Pfarrerin der Heilig-Kreuz-Kirche.

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Sonntag, 26.03.2017, 18 Uhr
Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Straße 65,
10961 Berlin (Kreuzberg)

Improvisationstheater! Hautnah. Unmittelbar. Überraschend. Lebendig. Und immer einmalig.
Ein Abend mit den „Gorillas“ and friends


Die Gorillas aus Berlin veranstalten zu Gunsten von Asyl in der Kirche Berlin e.V. einen Benefizabend.
Es erwartet Sie ein Abend voller Improvisationstheater, Kabarett und vielem mehr. Lassen Sie sich überraschen!

Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

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Save-the-Date
Mittwoch, 29.03.2017, 19 Uhr
Voraussichtlich in der Heilig-Kreuz-Kirche

Informationsabend zu Afghanistan, u.a. mit Thomas Ruttig, Direktor des Afghanistan Analysts Network

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Mittwoch, 26. April 2017, 18 Uhr
Foyer der Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Straße 65, 10961 Berlin (Kreuzberg)

Mitgliederversammlung von Asyl in der Kirche Berlin e.V. Anmeldung bitte unter info@kirchenasyl-berlin.de


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Veranstaltungsänderung von Asyl in der Kirche Berlin e.V.
Hinweis zum Karneval der Kulturen 2017. Asyl in der Kirche wird nicht, wie angekündigt, am 03.06.2017 mit einem Infostand am Karneval teilnehmen.

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Dienstag, 07.03.2017, 18-20 Uhr
Ratssaal, Rathaus Köpenick, Alt Köpenick 21, 12555 Berlin

„ASYL – DIALOGE “ der Bühne für Menschenrechte

Im Anschluss findet noch ein Publikumsgespräch mit den Aktiven statt. Sie sind herzlich dazu eingeladen!
Der Eintritt ist frei, Spenden erwünscht!

Veranstalter: Stadtkirche Berlin-Köpenick und Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin, Büro des Bezirksbürgermeisters, Alt-Köpenick 21, 12555 Berlin

 

Geschichten aus dem Kirchenasyl – Interview mit Pfarrerin Ute Gniewoß aus der Gemeinde Heilig-Kreuz-Passion

Foto: Asyl in der Kirche Berlin e.V.

Foto: Asyl in der Kirche Berlin e.V.

 

Geschichten aus dem Kirchenasyl –
Interview mit Pfarrerin Ute Gniewoß aus der Gemeinde Heilig Kreuz-Passion

Ute Gniewoß ist seit Mai 2016 in der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion als Pfarrerin tätig. Zuvor war sie 24 Jahre lang Pfarrerin in der Kirchengemeinde Velten/Marwitz.

Unsere Freiwillige, Irem Nur Yildiz, hat Ute Gniewoß im Interview gefragt, woher ihre Motivation kommt, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren.


Irem Nur Yildiz: Wie kamen Sie zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema Kirchenasyl?

Pfarrerin Ute Gniewoß; Ich habe 1992  Bilder des Kriegs in Bosnien im Fernsehen gesehen, die ich nicht ausgehalten habe. Darüber habe ich mit Menschen in meiner Gemeinde gesprochen, wodurch es zu einer Aufnahme von sieben bosnischen Flüchtlingen aus zwei Familien im Pfarrhaus kam. Das lief damals nicht als offizielles Kirchenasyl, aber es waren Flüchtlinge, die von der Kirche aufgenommen wurden. Wir haben über vier Jahre zusammen unter einem Dach gelebt. Das war mein erster intensiver Kontakt mit Flüchtlingen. Aus diesen Erfahrungen heraus bin ich wachsam für dieses Thema geworden.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation sich in diesem Bereich zu engagieren?

Theologisch gesehen ist es für mich vollkommen klar, dass Fremde und Flüchtlinge in der Bibel benannt werden als Menschen, die besonderen Schutz brauchen; die nicht unterdrückt werden dürfen und die oft  zusammen mit anderen besonders schutzbedürfigen Menschen genannt werden,  z.B. mit Witwen und Waisen. Auch in unserer heutigen Gesellschaft ist es leider so, dass manche Menschen ihre Rechte nicht einfach wahrnehmen können, sondern sie ihnen oft vorenthalten werden. Dazu gehören auch Flüchtlinge. Und Gott stellt uns an ihre Seite, um ihnen beizustehen.

Das muss noch nicht unbedingt dazu führen, dass man sich für Kirchenasyle engagiert. Ich glaube, was bei mir dazu geführt hat, war einfach, dass ich mich den Erfahrungen von Flüchtlingen ausgesetzt habe, nachgefragt habe, hingehört habe und dann manchmal nicht anderes konnte, als zu überlegen, ob man sie ın ein Kirchenasyl aufnehmen kann.
Ich denke, dass es wirklich dieser Mechanismus ist: wenn man sein Herz öffnet, dann kann es passieren, dass man innerlich genötigt ist von dem eigenen Gewissen und dann nicht anderes kann. Ehrlicherweise würde ich auch sagen, dass am Anfang nicht nur Verantwortungsbewusstsein steht, sondern auch Neugier. Ich fınde einfach Menschen, die aus anderen Ländern kommen, erstmal spannend. Egal aus welchem Land oder aus welcher Situation sie kommen, ich bin neugierig.


Der frühere Bischof Huber hat einmal gesagt, Kirchenasyle helfen dem Rechtsstaat seine Aufgabe wahrzunehmen. Ich würde das auch so sehen. Menschen aus dem Raum der Kirche müssen mit darauf achten, dass Geflüchtete ihr Recht auf Asyl wahrnehmen können und ihre Menschenrechte geachtet werden.


Wie haben Sie Kirchenasyl in Ihrer Gemeinde erlebt?

Ich habe  etwa 15 Kirchenasyle in meiner und anderen Gemeinden mitorganisiert und erlebt. Sie dauerten unterschiedlich lang, zwischen zwei Wochen und neun Monaten. Manchmal lebten die Geflüchteten  mit bei mir im Pfarrhaus, manchmal in anderen Räumen der Gemeinde. Wichtig war immer, dass sich auch Gemeindeglieder engagieren.
Ich erinnere mich ein Kirchenasyl im Jahr 2015, das über 3 Monaten lief. Wir hatten zwei Eritreer in Schutz genommen. Da hat sich eine Gruppe von über 10 Personen aus der Gemeinde eingebracht. Es gab Leute, die die beiden besucht haben, andere haben Deutschunterricht gegeben, wieder andere haben sich um Fragen von Finanzierung oder Behördenkontakt gekümmert.
Es war klar, die Menschen im Kirchenasyl brauchen dringend soziale Kontakte, jeden Tag. Das müssen wir organisieren. Deswegen brauchten wir eine Gruppe und es war toll zu sehen, dass so viele mitgemacht und treu unterstützt haben. 


Bleibt nach Beendigung eines Kirchenasyls noch Kontakt mit den Menschen?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, zu denen habe ich auch nach dem Kirchenasyl noch länger oder sporadisch Kontakt. Generell sehe ich es so: Alle Menschen sind auf ihrem Weg. Und auf ihrem Lebensweg haben sie eine Weile bei uns Station gemacht. Wir haben sie so gut es ging unterstützt. Und dann haben sie ihren eigenen Weg  fortgeführt.


Was für Erfahrungen haben Sie gemacht? Was fällt Ihnen schwer, was war schön?

Die schwierigste Erfahrung ist für mich, dass ich manchmal Angst hatte um diese Menschen. Es spiegelt  die Angst der Flüchtlinge, die einfach nicht wissen, was auf sie zukommt und natürlich auch die Situation, in der sie sich befinden, oft nicht einschätzen können. Sie sind in einem fremden Land, sie wissen nicht was Kirche kann oder nicht kann, was ich kann oder nicht kann. Sie haben Angst. Diese Angst löst bei mir aus „Ich muss das schaffen“. Ich habe mir oft Sorgen gemacht ob ein Kirchenasyl gelingen wird, weil das nicht selbstverständlich ist.  Aber mir persönlich kann ja nicht wirklich etwas Ernsthaftes passieren. Die Flüchtlinge sind in einer schwierigen Lage, aber nicht ich oder wir als Gemeinde. Für uns ist es manchmal anstrengend, aber schwer ist es für die Geflüchteten.

Und es bleiben natürlich auch Erinnerungen. Das sind manchmal sehr kleine Dinge, die im Kopf bleiben. Dazu fällt mir eine Frau aus dem Iran ein, die mir sehr detailliert erzählt hat, wie ihre Wohnung ausgesehen hat. Wie sie ihr Schlafzimmer eingerichtet hatte, mit welchen Farben und was sie schön fand. Sie hat alles für die Flucht verkauft, das Schlafzimmer gibt es nicht mehr. Manchmal machen solche kleinen Schilderungen mir klar, wie viel Menschen zurückgelassen haben.
Oder Schilderungen von Flüchtlingen, die nie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Der Schmerz dieser Menschen ist so groß, dass sie das manchmal selbst noch  nicht richtig realisiert haben. Sie leben immer in die Hoffnung, ihre Eltern, ihre Verwandten wiederzusehen und in manchen Fällen ist diese Hoffnung nicht aussichtsreich. Sie leben unter dem Druck, Angehörigen helfen zu müssen, die ebenfalls in Gefahr sind – und fühlen sich hilflos. Sie erfahren, dass Freunde oder Verwandte umgekommen sind und trauern in der Ferne. Das sind die Erfahrungen die man behält.


Aber natürlich gibt es auch viel Schönes: Es kommen Menschen aus anderen gesellschaftlichen Kontexten zu uns, mit anderen sozialen Kontaktformen, aus anderen Kulturen, mit anderem Humor. Das birgt so viel Potential und auch gute Infragestellungen, denn wir in Deutschland sind ja nicht einfach glückliche Menschen. Was trägt auf der Flucht? Was schenkt  Zuversicht?  Der Kontakt zu Geflüchteten ist für mich immer auch ein Geschenk. Im Kirchenasyl ist dieser Kontakt oft besonders intensiv. Menschen schenken uns ihr Vertrauen und lassen uns an ihrem Leben teilhaben. Ich habe Kirchenasyle auch oft als Glaubensstärkung erlebt, weil wir gemeinsam lernen, mutiger zu werden und Gottvertrauen zu haben. Mit anderen Gemeindegliedern hat man gemeinsame Erfahrungen, die einen verbinden, weil man in dem Moment spürt, dass das, was man gerade tut, sehr wichtig ist, für das Leben anderer Menschen wirklich zählt.

Auch habe ich ein Enkelkind bekommen durch ein Kirchenasyl. Ich hatte ein Frau im Pfarrhaus aufgenommen, die alleine und hochschwanger abgeschoben werden sollte. Sie hatte ihre Eltern verloren, als sie 8 war. Und diese Frau hat von sich aus entschieden, dass sie mich als Mutter adoptiert und als Oma für ihr Kind. Am Tag der Geburt des Babies, hat sie es mir in den Arm gelegt und gesagt: „Go to your grandma.“ Das ist jetzt fast 3 Jahre her, ich habe die Rolle noch immer. Damals habe ich mir gesagt: Ich kann nicht für viele Menschen Mama und Oma sein, aber für ein paar wenige schon. Letztens rief die Kleine quer durch die Kirche „Oma!“. Ich sah, wie einige sich fragten, wie dieses schwarze Kind das Enkelkind dieser weißen Frau sein kann, Schön, wenn Gottes Wege uns schmunzeln lassen.

Ein Ehepaar  im Kirchenasyl hat mich gefragt, wie sie deutsche Eltern finden können. Ich hab erst die Frage nicht verstanden. Ich habe zurückgefragt: „Wofür braucht ihr deutsche Eltern?“ Und sie haben gesagt: „Familie ist wichtig, ganz wichtig. Wir werden unsere Familien wahrscheinlich nicht wieder sehen. Wir wollen ein Kind bekommen und wir möchten dass unser Kind nicht ohne Großeltern aufwachsen muss. Wir brauchen Familie, denn Familie bedeutet, dass man miteinander spricht, dass man sich begleitet, dass man sich einen Rat gibt, dass man zusammen Ausflüge macht, und wir fühlen uns verarmt ohne Eltern. Ich dachte daran, dass ich oft Schilderungen höre, was in einer Familie gerade schwierig oder belastend ist, aber selten einen solchen Lobpreis auf Familie. „Wie können wir deutsche Eltern bekommen?“ Die Frage steht noch im Raum. (Wenn Sie eine Idee haben, liebe Leserin und lieber Leser, melden sie sich gerne.)


Was kann Kirchenasyl in der Gemeinde verändern?

Ich bin vorsichtig beim Beantworten dieser Frage, weil ich befürchte, dass es Gemeinden gibt, in denen sich nicht viel verändert hat. Ich glaube, dass ein Kirchenasyl immer die Menschen verändert, die sich intensiv darauf einlassen. Sie bekommen einfach einen sehr persönlichen Eindruck davon, was die Folgen von Flucht sein können. Klischees und Vorurteile gegenüber Menschen aus einem bestimmten Land werden brüchig oder lösen sich auf. Nicht selten beginnen sie, auch das eigene Leben noch einmal anders zu sehen – oft demütiger und dankbarer.

 

Wer mehr wissen will: In dem Buch „Kirchenasyl eine heilsame Bewegung“ finden sich Beiträge auch von Ute Gniewoß zu der Frage, wie die Beteiligung an Kirchenasylen die Begleitenden verändert. „Kirchenasyl eine heilsame Bewegung“ , F. Dethloff und V. Mittermaier (hg.), Loeper Literaturverlag, Karlsruhe, 2011.

 

Berlin, 31.01.2017

 

Jahresempfang 2017 – Feierliche Verabschiedung von Eberhard Vorbrodt

Foto:Robert Bannert

Foto:Robert Bannert

Foto: Robert Bannert

Foto: Robert Bannert

Foto: Robert Bannert

Foto: Robert Bannert

Am 18. Januar wurde Eberhard Vorbrodt, Gründungsmitglied von Asyl in der Kirche Berlin e.V. und langjähriger Mitarbeiter in der Geschäftsstelle, feierlich aus seinem aktiven Dienst verabschiedet.

Über 35 Jahre lang setzte sich Eberhard Vorbrodt für Geflüchtete ein, veranstaltete Demonstrationen, behandelte in seiner Praxis und erhielt schließlich ein lebenslanges Hausverbot in der Abschiebungshaft in Eisenhüttenstadt.

Ellen Wagner, Vorstandsmitglied bei Asyl in der Kirche, würdigte Eberhard Vorbrodt in ihrer Laudatio:

 

Lieber Eberhard!

Alle haben es gehört, Du hast uns geschrieben, Du willst Dich aus der Arbeit in der Geschäftsstelle von Asyl i. K. zurückziehen. Du und Rückzug? Oder soll ich sagen: Du – und Ruhestand? Kennen wir Dich doch eigentlich nur als jemanden, der eigenwillig und mit hoher Verantwortung sich laut und vernehmlich einmischt, sich für die Schwächsten unter uns, für Flüchtlinge in unserer Stadt, für ein Obdach für die Ärmsten unter uns einsetzt. Deine hohe Sensibilität für die gesellschaftspolitische Entwicklung hat uns immer wieder wach gerüttelt. Deine Herzensangelegenheit war und ist die Asylarbeit. Dieser Arbeit bliebst Du auch dann zugewandt, wenn Krankheit Dich einmal wieder von Heilig-Kreuz physisch fernhielt. Selbst vom Krankenbett aus hast Du noch angerufen und an diese oder jene Angelegenheit mahnend erinnert. Du hattest die Übersicht, Du wusstest doch am besten, was alles zu regeln war und wie das zu bewerkstelligen war.

Verena Mittermaier, die heute leider nicht dabei sein kann und Dich ganz herzlich grüßen lässt, meinte, dass Du für sie immer eine wertvolle Stütze warst und stets in enger Kooperation transparent mit ihr zusammen gearbeitet hast. Dafür möchte sie Dir danken. Sie beschreibt Dich als begnadeten Vernetzer – und wer von uns könnte das nicht unterstreichen? – und hebt hervor, wie sehr Deine Kreativität sie damals beeindruckt hat. In der Rückschau haben wir z. B. Deinen Rundbrief vor Augen, den Du jahrelang herausgegeben hast, wir denken an die sogenannten bunten Blätter, die Du verfasst hast – heute würde man vielleicht von Newsletters reden – und erinnern darüber hinaus daran, dass Du Stadtfahrten und Besichtigungstouren zu besonderen Orten der Flüchtlingsarbeit – wie Flüchtlingsunterkünfte oder das damalige Abschiebegefängnis – organisiert hast, sowie einmal sogar eine Protestfahrt zum Flughafen.

Verena Mittermaier war übrigens die erste, offiziell vom Verein angestellte Geschäftsführerin! Vorher hatte Verena schon bei der Bundesarbeitsgemeinschaft gearbeitet. Und als die BAG nach Heilig Kreuz umgezogen war, wurde Verena auch Geschäftsführerin von Asyl in der Kirche e. V. Das war im Januar 2009. Manche unter uns werden sich jetzt verwundert fragen, was war denn vorher? Wie wurden denn da die Geschäfte gehandhabt? Der Verein wurde doch schon 1993 gegründet, und Asylarbeit in Heilig Kreuz gibt es noch länger!

Die Asylarbeit wurde vor mehr als dreißig Jahren von engagierten, hauptsächlich Evangelischen Gemeinden, damals noch Berlin-West, getragen. Man traf sich bei Jürgen Quandt in der Nostitzstraße. Initialzündung war der Fenstersturz von Kemal Altun, ein türkischer Asylbewerber, der in der Gemeinde Zuflucht gefunden hatte und während seines Abschiebeverfahrens sich aus dem Gerichtssaal am 30. August 1983 in den Tod stürzte. Jahrelang haben wir Gedenkveranstaltungen an seinem Todestag organisiert. Im Zusammenhang mit den großen Friedensdemonstrationen im Oktober 1982 und 1983 haben Eberhard und Traudl von Pax Christi Kontakt zur Asylgruppe in der Nostitzstraße gefunden. In ihrer Frauenarztpraxis boten Beide kostenlose Sprechstunden und Beratung für Flüchtlinge an. Das sind vermutlich die Bausteine für Eberhards und Traudls Engagement in der Flüchtlingsarbeit, Traudl war von Anfang an Mitglied in der Härtefallkommission.

Zusammen mit Jürgen Quandt hat Eberhard dann die Asylarbeit gemanagt. Eberhard erinnert sich noch gut daran, dass Jürgen Quandt zu ihm sagte: “Mach Du das mal“. Jürgen hatte als Gemeindepfarrer den Gemeindehaushalt in der Hand, für die Flüchtlingsarbeit übertrug er Eberhard nach der Wende die Betreuung und Verwaltung der Spenden, zunehmend auch seit Vereinsgründung den Jahresabschluss für den Verein und die Aufstellung des Haushaltsplans. Dabei lief nicht alles reibungslos ab, aber irgendwie ist Eberhard zunehmend in die Rolle eines „inoffiziellen“ Geschäftsführers hineingewachsen. Weder Jürgen noch Eberhard können sich im Detail erinnern. Eberhard hat nie einen Vertrag gehabt, lediglich eine Bescheinigung für medizinische Beratung und Betreuung von Flüchtlingen für ein monatliches Honorar, das er bis Ende des vergangenen Kalenderjahres ausgezahlt bekommen hat.

Ein Mensch, der wachsam und skeptisch in die Welt hineingeht – so sehe ich Dich vor mir – ein Mensch mit einem unnachahmlichen Gespür dafür, was politisch dran ist, ein Mensch, der mit großer Treue und selbstlosem Einsatz unbeirrbar seinen Weg geht, ein Mensch, der leicht ungeduldig werden kann und manches Mal sogar schroff reagiert und schrullige Antworten gibt. Unbeirrbar ist Eberhard seinen Weg gegangen und hat sich stets eine neugierige Offenheit für andere Menschen und Kulturen bewahrt. Immer wieder gelang es ihm, neue Kontakte aufzubauen, die er bis heute pflegt. Als langjährige Wegbegleiterin im Vorstand von Asyl in der Kirche habe ich erfahren dürfen, wie sehr Deine gelebte Mitmenschlichkeit, die sich durchaus auch hinter einer unwirschen Maske verbarg, wie Deine gelebte Mitmenschlichkeit das Gesicht unseres Vereins geprägt hat. Dafür danke ich – dafür danken wir.

Eberhard wird im August dieses Jahres 80 Jahre alt. In Köthen geboren machte er sein 1. Abitur in Sachsen-Anhalt und sein zweites in Westberlin, nachdem er „rübergemacht“ hatte, wie es so plastisch in Ost-West-Sprache hieß. Er studierte an der FU Medizin und lernte Traudl im Studium kennen. Gemeinsam bauten sie eine Frauenarztpraxis auf. Inzwischen sind beide mehr als fünfzig Jahre miteinander verheiratet. Ihre fünf Kinder kamen schnell nacheinander. Anfang der 80 er Jahre bezog die Familie ihr Häuschen in Kladow. Heute sind Eberhard und Traudl stolze Großeltern von neun Enkelkindern. Nach einem schweren Herzinfarkt 1996 hat Eberhard seine Arztpraxis ganz aufgegeben und sich uneingeschränkt seinen Hobbys gewidmet: Der Flüchtlingsarbeit und dem Singen.

Das Singen war Eberhard nicht in die Wiege gelegt. Anstoß gab der katholische Gemeindepfarrer in Kladow. Dieser lud ihn einmal ein, ihn zu den orthodoxen Christen – ehemalige Zwangsarbeiter – im Gemeindezentrum der Mittenwalder Straße in Kreuzberg zu begleiten. Der katholische Priester hatte auch eine Gottesdienst-Lizenz für die Ostkirchen. Hier begegnete Eberhard der orthodoxen Liturgie. Er wurde spontan Mitglied des deutschen Chores mit Migrationshintergrund in der Mittenwalder Straße. Sein musikalisches Talent war aus der Taufe gehoben, sein sonorer Bass II erklang von nun an bei den orthodoxen Gesängen. Eberhard kannte weder Noten, noch hatte er vorher je gesungen. Das notwendige Rüstzeug hat er sich selbst beigebracht. Mit Hochachtung spricht er von seinem heute 82 Jahre alten Chorleiter, der sämtliche slawischen Sprachen spricht, aber auch rumänisch und griechisch, und Eberhard macht darauf aufmerksam, welche Herausforderung das Singen in den verschiedenen Sprachen auch an die Chorsänger stellt. Er kommt ins Schwärmen, wenn er von seinen vielen Begegnungen und Reisen mit seinem Chor berichtet. Noch zu DDR-Zeiten, 1988, wurden sie vom Moskauer Patriarchat eingeladen, sie mussten nur ihr Flugticket bezahlen und haben nicht nur in Moskau, sondern auch in Kiew, Lemberg und Odessa gesungen. Noch heute führen ihn jedes Jahr Chorreisen in die Ukraine, er hat den Balkan bereist und erinnert sich schmunzelnd an eine Reise von vier Chormitgliedern nach Mazedonien, wo ihnen großes Lob etwa folgenden Wortlauts gespendet wurde: Eure Musik war sehr schön, aber die Texte…. Wir sind Muslime. Leider konnte heute niemand von Deinen Chorbrüdern zu unserem Abschiedsfest kommen, doch sie lassen alle herzlich grüßen.

Zum Abschluss möchte ich Dir eine anhaltinische Ballade vortragen, sehr frei nach Ludwig Uhland

 

ZUM Abschied VON EBERHARD VORBRODT

ANHALTINISCHE BALLADE

(Sehr frei nach Ludwig Uhland)

 

Als Eberhard Vorbrodt lobesam

Zum Neujahrs-Empfange neugierig kam,

Da herrschte Staunen rings umher,

Jubel und Freude umso mehr.

Anlaß zur Begeisterung bot

-Bei Sekt und leckerem Partybrot-

Besonders zu feiern dieses Mal

Die Wolken-Abschieds-Jahreszahl:

Familie, Freunde, zusamm‘ heut kamen

Dir, Eberhard Adieu zu sagen!

 

Als Aktivist aus Anhaltiner Land

Mit feinem Geist und strenger Hand

Blickst Du auf ein langes Lebens-Stück

In der Flüchtlingsarbeit nun zurück.

Von guten und von bösen Dingen

Vermagst du manches Lied zu singen.

Vieles kam plötzlich in die Quer

Und störte die Daseinplanung sehr.

Doch hast du nimmer aufgegeben,

Gestaltetest voll Kraft Dein Leben.

 

Und gab es Sinn- und Krankheitskrisen,

Dich, Eberhard, tat‘s nicht verdrießen,

Gingst Deines Weges Schritt vor Schritt:

„Der wackre Köth‘ner fürcht sich nit!!“

Mußtest Du Dich manchmal bücken,

Sah man Dich weise um Dich blicken

Und grübeln, wie man es erreiche,

Die Zahlen zu zwingen mit einem Streiche.

Bald sah man zur Rechten wie zur Linken

Das Problem – erledigt!! – heruntersinken.

 

Und heute kommt die Gästeschar,

Die stets Dir nah‘ geblieben war

Und siehet nun mit gutem Bedacht,

Respektvoll wie Du, Eberhard, alles gemacht.

Man spricht: „Ja, wir sind hochverwundert“,

Du schaffst noch manches Jahr zur Hundert.

Sag an, Du Weiser ehrenwert,

Wer hat solch Altern Dich gelehrt?“

Und er bedenket sich nicht lang:

„Das Singen macht’s und hält mich jung,

Ein stolzes Alter zu erreichen.

Man zählt dies zu den Sängerstreichen!“

 

 

Lieber Eberhard, wir wünschen Dir für Deinen Ruhestand weiterhin die Freude und Kraft zum Singen und die Muße, das Leben zu genießen, Zeit für Deine Großfamilie, Zeit zum Lesen. Wie ich von Dir weiß, reizen Dich politische Theorien und Entwicklungen. Manche Interessen hast Du bis jetzt zurückgestellt. Möge es Dir gelingen, einen erfüllten Lebensabend zu führen. Wir binden unseren Dank in diesen bunten Blumenstrauß und wünschen Dir Gottes Segen.

 

 

Ellen Wagner
Berlin, 18. Januar 2017

 

 

Newsletter Asyl in der Kirche Berlin e.V. – Februar 2017

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