05.07.2017
Ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an die Verstorbenen an den EU-Außengrenzen am 23.06.17

Sterben auf dem Weg der Hoffnung

Ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an die Verstorbenen an den EU-Außengrenzen am 23.06.17 in der katholischen Kirchengemeinde St. Canisius in Berlin-Charlottenburg

von Michael Haas Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums

Quelle: http://www.erzbistumberlin.de/medien/schlaglichter/schlaglicht/datum/2017/06/27/sterben-auf-dem-weg-der-hoffnung/

„Als ich das Motto des Gottesdienstes las, musste ich erst einmal schlucken“, gesteht Erzbischof Dr. Heiner Koch eröffnend. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass die rund 200 Mitfeiernden des ökumenischen Gottesdienstes zum Gedenken an die Verstorbenen an den EU-Außengrenzen schlucken müssen. Das Schicksal von Menschen, die den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer auf sich nahmen und täglich nehmen, um in Europa Schutz und die Perspektive auf ein Leben in Würde zu erlangen, wird in dieser Stunde anlässlich des UN-Weltflüchtlingstages eindrücklich vor Augen geführt.

Bischof Dr. Markus Dröge führt mit Bezug auf den Eingangsspiritual in den Gottesdienst ein: „Nobody knows the Trouble they have seen. (…) Menschen sterben nur deshalb, weil sie auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten sind. Was ist das für eine Welt?“ Angesichts des unvorstellbaren Leids, das zu uns Fliehende in ihren Heimatländern erfahren und das sich auf der Flucht fortsetzt, vereine uns Christinnen und Christen die Forderung nach sicheren Zugangswegen zum Menschenrecht auf Asyl. Dem Vorbild Jesu folgend, treten wir dem Tod entgegen: „Mutig und kraftvoll. Rebellisch und doch sensibel“ – weil wir aus der Hoffnung leben und uns gegen Krieg und Verzweiflung einsetzen, nicht zuletzt durch unser Gebet, „dass Ohnmacht und Traurigkeit nicht das letzte Wort haben werden in dieser Welt.“

Geschluckt wird erneut bei den persönlichen Schilderungen. Eine junge Frau aus Syrien etwa muss von einigen Menschen berichten, die sie auf der strapaziösen Fahrt über das Mittelmeer sterben sah. Nun hofft sie auf den Nachzug ihres Ehemannes. Eine junge Eritreerin, die in Libyen schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt war, welche sich in Italien wiederholten, versucht nun, der Rückschiebung dorthin im Schutz des Kirchenasyls zu entgehen.

Der rezitierte Psalm lässt die Aktualität der Heiligen Schrift deutlich werden: „Ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort… Zieh mich heraus aus dem Verderben, aus dem tiefen Wasser!“ Die Gemeinde wird mit hinein genommen in die Dynamik vom Flehen zur Hoffnung: „Schaut her, ihr Gebeugten, und freut euch; ihr, die ihr Gott sucht: euer Herz lebe auf! Denn der Herr hört auf die Armen, er verachtet die Gefangenen nicht.“

Bezug nehmend auf das in Tigrinya, der Sprache Eritreas, vorgetragene Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37), weist Erzbischof Dr. Heiner Koch in seiner Predigt auf das verloren gegangene Mitleid in unserer Welt hin. Mit den Worten Papst Franziskus‘ mahnt er an: „In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert und nicht, es geht uns nichts an!“ Wer also, wenn nicht wir Christen, sind gerufen, Hoffnung in die Welt zu bringen angesichts der zu uns kommenden Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger? Die uns geschenkte Frohe Botschaft rufe uns auf, Jesus Christus in der Pro-Existenz, im Da-Sein für Andere, nachzufolgen.

Er betont dies in verschiedenen Dimensionen: jede und jeder im persönlichen Einsatz auf Augenhöhe, als gemeinsame Stimme der Menschlichkeit im nationalen (etwa gegen populistische Tendenzen) und internationalen Diskurs, denn: „Christinnen und Christen zu sein bedeutet, politisch zu sein.“ Eine Willkommenskultur für Geflüchtete hier sowie kirchliche Arbeit zur Beseitigung von Fluchtursachen in den von Krisen geschüttelten Ländern gehören genauso dazu wie die Forderung nach sicheren Zugängen zu Asyl in Europa. Gerechtigkeit müsse unser Maßstab sein – „sonst sind wir mitten im Leben noch toter als die Toten des Mittelmeers.“

Der Aufruf an alle Mitfeiernden, im Gedenken für eine an der Grenze verstorbene Person eine Kerze zu entzünden und ihren Namen laut oder still vor Gott zu bringen, lassen das Ausmaß der Katastrophe, die sich im größten Massengrab unserer Zeit ereignet, jenseits der schockierenden, doch abstrakten Opferzahlen spürbar werden.

Die Worte aus dem Gebet von Papst Franziskus bei seinem Besuch auf Lampedusa bringen die Intention der Feier auf den Punkt:

„Auch wenn viele ihrer Gräber keinen Namen tragen, ist doch jeder von ihnen Dir bekannt, von Dir geliebt und erwählt. Mögen wir sie nie vergessen, sondern ihr Opfer ehren, mit Taten mehr als mit Worten. … Indem wir für sie sorgen, lass uns zugleich eine Welt anstreben, in der niemand gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, und wo alle in Freiheit, Würde und Frieden leben können. Barmherziger Gott und Vater aller, wecke uns auf aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit, öffne unsere Augen für ihre Leiden und befreie uns von der Gefühllosigkeit, die der weltliche Wohlstand und die Selbstbezogenheit in uns erzeugen. Verhilf uns – Nationen, Gemeinschaften und Einzelnen – zu der Erkenntnis, dass sie, die an unseren Küsten landen, unsere Brüder und Schwestern sind. Lass uns den Segen mit ihnen teilen, den wir aus Deiner Hand empfangen haben, und begreifen, dass wir als eine einzige Menschheitsfamilie alle miteinander Wanderer sind…“

Gerahmt wurde der Gottesdienst durch die abschließende Ausstellung des Kunstevents MOTHER LOVE, das im Rahmen der Serie VOICE OF ART Kindern auf der Flucht und den Artikeln 37 (Schutz vor Folter) und 38 (Schutz vor Krieg) der UN-Kinderrechtskonvention gewidmet ist. Verschiedenste aktuelle Werke einer internationalen Gruppe von renommierten Künstlern weisen auf eine Macht hin, die Völker über Grenzen und Kulturunterschiede hinweg zu einen vermag – MUTTER LIEBE.

Am Ende bleibt die Hoffnung. Unter dem Segen der beiden Bischöfe, ein weiteres ermutigendes Zeichen der gelebten Ökumene, laden die Initiatoren Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), das Erzbistum Berlin, der Verein Asyl in der Kirche Berlin, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) und die Gemeinschaft Sant‘ Egidio zu Begegnung und Gespräch ein.

„Mehr Informationen zum Kunstevent erhalten Sie bei Manuela Sharifi, info@futurevoice.org.

Hinführung vom Evangelischen Landesbischof Dr. Markus Dröge

Predigt von Erzbischof Dr. Heiner Koch

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