12.06.2017
Deutsche Kirchen – die letzte Rettung für Migranten, die von Abschiebung bedroht sind

In der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ erscheint am 14. April 2017 ein Artikel über Kirchenasyl.

Von: Aleksandra Lipczak

 

Deutsche Kirchen – die letzte Rettung für Migranten, die von Abschiebung bedroht sind

In den evangelischen und katholischen Kirchen Deutschlands kommen heute über 500 Menschen unter. Sie warten darauf, dass ihre Asylanträge noch einmal geprüft werden. Nachdem in Deutschland über eine Million Geflüchtete aufgenommen wurde, wird die deutsche Asylpolitik zunehmend strenger und immer mehr Menschen werden abgeschoben. Diese versuchen sich zu retten, indem sie das Kirchenasyl suchen.

Im August 2015 wurde der aus Afghanistan stammende Ali (der Name wurde geändert) mit einer schweren Depression im Krankenhaus behandelt. Seit einem Jahr war der Asylsuchende in Deutschland, als er erfuhr, dass sein Antrag abgelehnt wurde.

Der 24-jährige Ali kommt aus einer Ortschaft, die 100 km von Kabul entfernt ist. Er will sie nicht nennen, um seiner Familie nicht zu schaden. Er wählt seine Worte vorsichtig aus, um nicht aus Versehen zu viel zu sagen. Immer noch hat er Angst um seine Familie und will wiederholt wissen, dass ich seinen Namen auch wirklich ändere.

 

Kirchenasyl – Hilfe in hilflosen Fällen

Ali führte mit seinem Bruder eine Baufirma, die Dienste für die US-amerikanische Armee leistete. Er war einer der 120.000 Mitarbeiter der USA-Streitkräfte. Das Leben der beiden wurde durch die Taliban überschattet – sie wurden bedroht, jemand hat eine Granate in ihr Haus geworfen. Die Familie hatte kein Geld für die Ausreise nach Europa und beschloss, nur Ali dorthin zu schicken. Er nahm die Dienste der Schmuggler in Anspruch und gelang 2012 nach Schweden. Es kostete ungefähr 15.000 Dollar. Der Rest der Familie floh nach Pakistan. 

Schweden lehnte jedoch seinen Asylantrag ab. 2014 kam er nach Deutschland. Auch hier bekam er eine negative Entscheidung und wurde zur Ausreise verpflichtet, mit der Begründung, dass er das Asyl in dem europäischen Land suchen sollte, in das er als erstes einreiste.

– Ich bin zusammengebrochen – erzählt Ali. Ich war bestürzt, als ich dachte, dass Schweden mich zurück nach Afghanistan schicken könnte.

Dank Asyl in der Kirche gelangt er zur evangelischen Paulus-Kirchengemeinde in Lichterfelde, einem ruhigen, bürgerlichen Bezirk im Süden Berlins. Die Organisation Asyl in der Kirche unterstützt Geflüchtete dabei, Kirchenasyl zu finden. Für neun Monate fand Ali dort eine Unterkunft.

Die Kirche aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts ist eine der 316 deutschen Kirchen, die zur letzten Rettung für die vor der Abschiebung bedrohten Geflüchteten geworden ist. Im Rahmen von  Kirchenasyl gewähren evangelische und katholische Gemeinden Zuflucht in sogenannten hilflosen Fällen, wenn andere Lösungen versagen.

– Wir nehmen Menschen auf, die von Abschiebung bedroht sind und wenn ein Verdacht entsteht, dass die Abschiebung eine Gefahr für ihr Leben oder ihre Gesundheit darstellt – erklärt eine junge, dynamische Pfarrerin Barbara Neubert. Wir berufen uns auf eine mittelalterliche Tradition, in der die Kirchen ein sicherer Zufluchtsort für Verfolgte waren.  

 

„Asyl“ in der Kirche

Die Institution des modernen Kirchenasyls funktioniert in Deutschland seit 1983. Alles begann mit drei palästinensischen Familien, denen eine Abschiebung in den Libanon drohte, als in dem Land der Bürgerkrieg herrschte. Das Vorbild für die deutsche Organisation Asyl in der Kirche war die Bewegung Sanctuary Movement aus den USA. Die US-amerikanischen Gemeinden gewährten Geflüchteten aus Guatemala und El Salvador Zuflucht.

2014 befanden sich 34 Personen im Kirchenasyl. Deren Zahl stieg 2015 abrupt an, als sehr viele Menschen nach Deutschland flohen. Nach Angaben von Asyl in der Kirche beherbergen die evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland 531 Menschen, darunter 141 Kinder.

– Ich glaube nicht, dass das, was wir machen, illegal ist – ist Barbara Neubert überzeugt. Wir geben den Behörden einfach mehr Zeit für die Wiederprüfung der Asylanträge. Wenn wir jemanden bei uns aufnehmen, informieren wir die Behörden darüber; wir verheimlichen nichts, obwohl wir vorsichtig bleiben. Die Geflüchteten sind nie alleine unterwegs, sie werden immer begleitet. Ihre Adresse ist immer ein Ort auf dem Gelände, das zur Gemeinde gehört.

Der Alltag des Asylsuchenden hängt von den Gemeindemitgliedern ab.

– Der eine bringt einen überflüssigen Fernseher, der andere unterrichtet Deutsch oder Mathematik, gemeinsam kochen wir oder treffen wir uns im Kirchencafé. Wir suchen auch nach Übersetzern, Ärzten, Juristen – erzählt die Pfarrerin. Die Geflüchteten haben schlimme Erfahrungen gemacht und nicht immer wissen wir, wie wir ihnen helfen können, oder wie lange sie bei uns bleiben. Soweit gehört Ali der Rekord. Es ist eine riesige Verantwortung, aber es reicht, den ersten Schritt zu machen, und dann klappt alles irgendwie.

 

Christen müssen dem Anderen in Not beistehen

Laut dem deutschen Gesetz sind die Kirchen kein autonomes Gebiet, aber sie genießen den Respekt seitens des Staates. In Deutschland deklariert sich die Hälfte der Bevölkerung als Protestanten oder Katholiken. Sie glauben daran, dass die Behörden die Unantastbarkeit der Kirche respektieren wird und dass die Polizei nie in eine Kirche eindringen würde, um die Geflüchteten festzunehmen.

Die Geflüchteten bleiben unter dem Obdach der Gemeinden solange bis sie sicher sind – meistens bis das Asylverfahren wieder aufgenommen wird. Es dauert ein paar Monate, manchmal aber auch länger. Die Kosten übernimmt die Gemeinde (von der Freizeitaktivitäten bis zur Begleitung bei Arztterminen oder Behördengängen).

In komplizierteren Fällen, wird die Gemeinde vom Verein Asyl in der Kirche unterstützt, der eine Beratungsstelle unterhält und so auch den Kontakt zu den Asylsuchenden vermittelt.

Die Paulus-Kirche hat fünf Erwachsene und zwei Kinder vor der Abschiebung bewahrt.

– Das gibt uns das Gefühl, dass wir eine Gemeinschaft sind, dass wir etwas Sinnvolles machen – sagt Pfarrerin Neubert. Sind alle Gemeindemitglieder damit einverstanden?

12 Prozent der Deutschen will in den Bundestagswahlen im Herbst die AfD wählen.  – In dieser Gruppe gibt es sicher auch Mitglieder meiner Gemeinde, aber die Stimme der Mehrheit zählt. Und diese Mehrheit glaubt, dass es unsere Pflicht als Christen ist, Menschen in Not zu helfen, unabhängig von der Religion, die sie ausüben.

 

Die letzte Rettung

Obwohl die Kirchen in Deutschland Respekt genießen, gibt es auch Probleme mit dem Kirchenasyl. Innenminister Thomas de Maizière kritisierte die Kirchen mehrmals, weil sie sich seiner Meinung nach über das Gesetz stellen.

Niemand, auch nicht die Kirche, kann einem Gerichtsurteil widersprechen – sagte de Maizière 2015.

In Bayern, einem der meist konservativen Bundesländer, läuft aktuell ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft gegenüber einem Dutzend Pfarrer.

– Ich verstehe das als einen Versuch, uns einzuschüchtern – sagte Pfarrerin Doris Otminghaus in den Medien.

Auf die Gemeinden, die das Kirchenasyl bewahren, wird immer mehr Arbeit zukommen. Nachdem Deutschland beinahe eine Million Geflüchtete aufgenommen hat, gibt es eine Verschärfung der Asylpolitik.

– 2016 wurden 700.000 Asylanträge gestellt, 300.000 davon wurden abgelehnt. Wir wollen diese Menschen möglichst schnell abschieben – sagte im Februar Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes. Sonst wird die Glaubwürdigkeit unseres Landes und seiner Gesetze in Zweifel gezogen.

Menschenrechtsaktivisten und Migrationsorganisationen weisen aber darauf hin, dass sich unter diesen Menschen auch viele befinden, denen laut dem Völkerrecht internationaler Schutz zusteht. Am meisten umstritten sind die Abschiebungen nach Afghanistan, die jüngst durchgeführt wurden. Die Europäische Union hat Afghanistan als ein „sicheres Land“ eingestuft, obwohl die Situation im Land sehr instabil ist. Es gibt 1,5 Million Binnenflüchtlinge, letztes Jahr kamen 11.500 Zivilisten ums Leben.

Anderen Geflüchteten in Deutschland droht eine Abschiebung im Rahmen des Dublin-Systems, das heißt eine Rücküberweisung in das erste Land der Europäischen Union, in das sie eingereist sind oder in dem ihnen die Fingerabdrücke abgenommen wurden. In dem Land sollen sie gemäß der Dublin-Konvention das Asyl beantragen. In vielen Fällen ist das jedoch Bulgarien, wo die Menschenrechte verletzt werden, oder Griechenland, wo die Flüchtlingslager überfüllt sind. Das Kirchenasyl kann für diese Menschen die letzte Rettung sein.

 

Christen haben einen Muslim gerettet

Heute lebt in der Paulus-Kirche eine junge Frau aus Eritrea, der eine Abschiebung nach Italien droht. Sie ist erst seit kurzer Zeit da und die beiden Seiten brauchen noch Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, sagt Pfarrerin Neubert. Diese junge Frau erlebte während ihrer einsamen Reise aus Afrika sehr schlimme Dinge. Morgen hat sie einen Termin beim Psychologen – das haben auch die Ehrenamtlichen aus der Paulus-Kirche organisiert. 

Ali mietet bereits ein Zimmer. Da er sich im Asylverfahren befindet, bezahlt die Miete der Staat. Er macht eine Ausbildung und arbeitet seit kurzem als Zimmermann. Er engagiert sich in der Kirche, die einst sein Zuhause war, arbeitet im Kirchencafé Tandem, wo sich alle zwei Wochen die Gemeindemitglieder und die Geflüchteten aus dem Kiez treffen. Sie lernen einander kennen, tauschen Informationen aus. Der Asylantrag wird weiterhin geprüft. Ali glaubt, dass diesmal die Entscheidung positiv sein wird.

– Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass die Kirche mich gerettet hat – sagt Ali. – Schreib bitte, dass Christen einen Muslim gerettet haben. Und dass ich das bis an das Ende meines Lebens nicht vergessen werde.

 

Asyl in Statistiken

2016 haben 745.000 Menschen einen Asylantrag in Deutschland gestellt (im Jahr zuvor – 475.000). Die Meisten kamen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und Eritrea. 256.000 Menschen wurden als Flüchtlinge anerkannt oder haben eine andere Schutzform bekommen. 25.000 wurden abgeschoben.

 

Link zum Artikel auf Polnisch: http://wyborcza.pl/7,75248,21638965,niemieckie-koscioly-ostatnia-deska-ratunku-dla-migrantow.html?disableRedirects=true

 

Übersetzung ins Deutsche: Aleksandra Janowska

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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